Германии in Irkutsk

Heute nahmen wir uns Zeit, Irkutsk einwenig kennen zu lernen. Wir folgten diesmal nicht der blauen Linie der Marathons, sondern der „grünen“, die durch die ganze Stadt vorbei an einigen Sehenswürdigkeiten führt. Zuerst schauten wir in die schmucke barocke Kreuzkirche (mit dem obligatorischen Kopftuch für Conny) und waren beeindruckt von dem klaren Gesang eines Paares. Wir verstehen den orthodoxen Glauben zu wenig, aber es sah aus wie ein Gottesdienst vor einem nicht vorhandenen Altar. Die Kirche selbst war sehr hell mit ein paar kleineren Bildern und goldenen Ikonen geschmückt – sehr schlicht. In einem Hintereingang beobachteten wir Bauleute bei der Restaurierung des Gebäudes. Sie machten sich über uns lustig: das können nur „Германии, неметскии“ sein. Ja, neugierig sind wir schon immer😀.

Danach landeten wir auf dem Markt: viele Beeren, frisches Obst, ganz viel Gemüse und mindestens 10 Sorten Tomaten und selbst gesammelte Pilze (Birkenpilze, Blutreizker und Steinpilze): da hätten wir am liebsten eingekauft und drauf los gekocht… Natürlich gab es auch Fleisch in großen Portionen, grünen Speck, Eisbein und Schweineschnauzen sowie frischen und geräucherten Fisch. Nur haben uns die hygienischen Bedingungen dort nicht so angesprochen und deshalb wäre unser Menü wohl vegetarisch ausgefallen.

Es begann zu regnen und so entschlossen wir uns zu einem Museumsbesuch: Geschichte muß sein, also schauten wir uns ein Wohnhaus von St. Petersburger Adligen in der sibirischen Verbannung an, das, heute liebvoll eingerichtet und mit Zeitdokumenten ausgestattet, sehr bildhaft über die Zeit um 1825 berichtet. So, nun kramt ‚mal in euren Gehirnwindungen und erinnert euch an den Geschichtsunterricht: was habt ihr damals über die Dekabristen erfahren?

Auf dem Weg an’s Ufer der Angara kamen wir an einem Volksfest vorbei. Wie immer, wenn es hier größere Menschenansammlungen hat, war der Platz weiträumig abgesperrt und die Polizei kontrollierte das Gelände. Seit Moskau sind wir das bereits gewohnt und so zeigten wir unseren Rucksack vor und konnten dann passieren. Es war ein Kulturfestival, auf dem sich sehr viele der ethnischen Minderheiten Russlands trafen und sich mit Liedern und Tänzen auf der Bühne präsentierten. Eine bunte Mischung aus Folklore, Volkstümlichkeit und „Oliver Shanti- Verschnitt“, die uns nicht immer gefiel. Neben der Bühne ging es bunter zu und alles mischte sich, tanzte gemeinsam, probierte mitgebrachte Spezialitäten und war einfach nur fröhlich und zufrieden. Dazu gesellten sich auch gerne ‚mal die Polizisten…

Die Ankara ist der breiteste Strom, den wir bisher gesehen haben! Sehr klar und schnell im Fluß, mit vereinzelten Fischerbooten darauf. Wunderschön in der Abendsonne!

Unser TransSib-Reiseführer empfahl uns in Irkutsk unbedingt ein „Bier Haus“ zu besuchen. Eigentlich gleich zwei antagonistische Widersprüche: wir und Bier und dann auch noch 7’000km von Zuhause entfernt ein deutsches Lokal zu besuchen. Wir taten es trotzdem – oder gerade deshalb 😉. Bei Cider und Bier, einem riesigen Berg fetter, mit Knoblauch getränkter Brotcroutons und Kalbsrouladen mit gebratenem Gemüse und Schnitzel an Kartoffelbrei liessen wir den Abend ausklingen. Das Live Duo spielte auf Keybord und Trompete Songs von Sinatra und Kurt Weill und ein Paar tanzte sogar dazu (nein, wir waren es nicht, waren zu pflastermüde) – so stellen sich die Sibirier also deutsche Biergartenkultur vor 😏

Ach ja, hätte ich fast noch vergessen: unser Hotel scheint am „Ballermann“ Irkutsk’s zu liegen. Gestern schon trommelte und grölte uns eine Kakophonie in den Schlaf und heute wieder – Russendisko, wie sie Wladimir Kaminer nicht besser hätte beschreiben können!

2 Gedanken zu “Германии in Irkutsk

  1. Hoi zäme,
    da es gerade ein (erstmals!) kalter Samstagabend ist, habe ich mir die Zeit genommen zu eurem blog und dabei fast ein wenig Heimweh bekommen: zunächst die Eindrücke aus Moskau (Gorki-Park, Metro-Stationen, statischer Zuckerbäckerstil an der Uni, Kreml-„Superlative“, ..), dann die Bahn mit den Wagen für das „Volk“ und dem sehr eigenwilligen Personal: ich habe das zwei Mal so erlebt, zuletzt auf einer Nachtfahrt von der Krim nach Odessa: ein wirklich ganz besondere Atmosphäre!
    Sibirien steht immer noch auf meiner Wunschliste, aber mit dem Velo ist es zu gross und tagelang im engen Zugabteil sitzen ist nicht so mein Ding.
    Ich staune einfach immer wieder, wie ihr unterwegs Zeit findet, so ausführlich und interessant zu berichten (na ja, jetzt im Zug habt ihr natürlich Zeit im Übermass).
    Herzlichen Dank und weiterhin gute Fahrt!
    Peter

    1. Lieber Peter, Danke für das Kompliment! Wir schrieben ja früher auch schon unsere Reisenotizen und nun eben online zum Mitlesen 😊 Sibirien wär ganz sicher auch eine tolle Reise für dich – auch ohne tagelanges Fahren mit der Transsib … Allein hier rund um den Baikalsee hat es wunderschöne Touren. Nur das Wetter ist eben sibirisch, auch wenn sich die Sonne ab und an heraustraut, es bleibt kalt und stürmisch. Bis bald, Conny und Jörg

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