UKIYO 浮世

Nicht nur, aber besonders während dem Reisen: Im Augenblick leben!

Wir reisen dieses Mal im Herbst. Zwar hatten wir gehofft, dass wenn wir Kyushu erreichen, uns eher spätsommerliche Temperaturen empfangen – aber nein: Es ist Herbst! Tagsüber wärmt die Sonne noch angenehm, aber mit dem Sonnenuntergang sinken die Temperaturen schnell in den einstelligen Bereich. Und das ist aus zwei Gründen bedeutsam. Erstens übernachten wir auf dem Dorf, in den Bergen, in einer Gemeinschaft von japanischen Individualisten (zurück zu den Wurzeln). Und Zweitens bin ich, Jörg, erkältet. Dumme Kombination.

Wir haben in Fukuoka unser Transportmittel gewechselt und rollen nun in einem knuffigen, hässlichen, kistenförmigen Suzuki über schmale Strassen durch Kyushu. Die Airbnb Unterkunft von unseren Hosts Chiharu und Kooichi wäre mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu schwierig zu erreichen. Wir stehen vor einem Bauernhof am Ende einer recht steilen Bergstrasse, zirka 40 Kilometer ausserhalb von Fukuoka – allein, niemand da. Ist das überhaupt der richtige Hof?

Ein Auto schiebt sich an uns vorbei auf den Hof und zwei Frauen steigen aus. Die jüngere der beiden spricht ein tolles Englisch und kann uns erklären, dass sie nicht Chiharu ist, wir hier aber richtig sind und alle anderen auf einem Reisfeld noch arbeiten. Nach einem kurzen Telefonat von ihr sitzen wir beide in ihrem Auto und fahren an terrassierten Reisfeldern vorbei noch etwas höher aus dem Küstendorf hinaus.

Am richtigen Reisfeld angekommen, ist eine grössere Gruppe von jüngeren Menschen damit beschäftigt uns zu begrüssen, in einem wilden Mix aus viel japanisch, wenig englisch und zwei Wörtern in Deutsch zu erklären, was sie hier gerade machen und was unser Job sein könnte. Das können wir in Erfahrung bringen: Wir sind hier richtig und lernen Chiharu und ihren Mann kennen. Der Reis ist bereits abgeerntet und gestern wurde bereits das erste Mal der frische Reis des Jahres probiert. Nun wird das in Bündeln zum trocknen aufgehangene Reisstroh auf dem terrassierten Feld mit viel Rauch verbrannt. Der Rauch wird genutzt, um einen mitgebrachten frisch gefangenen Fisch zu räuchern. Genau unser Ding: solidarische Landwirtschaft und Räucherfisch 🙂 …

Der Tag bietet noch eine rasante Abfahrt auf der Ladefläche eines kleinen Lasters zurück ins Dorf, einen Rundgang über den Hof und etwas Verständnis in das Konzept, nach dem hier gelebt wird. Chiharu und Kooichi leben mit ihrer 5jährigen Tochter gemeinsam mit wechselnd vielen, anderen Menschen in einem „sharing home“ zusammen. Die meisten Räume im Haus werden gemeinschaftlich genutzt (Küche, Bad, ein grosser Wohnraum mit Tatami Matten und einem grossen, niedrigen Tisch). Die hier Mitwohnenden haben jeweils einen kleinen Raum mit Privatsphäre für sich (ein winziger Schlafraum). Unser, ebenfalls kleiner Schlafraum befindet sich nebenan im Speicher einer Scheune.

Am Abend sitzen wir zusammen im grossen Raum mit zwölf Menschen und haben ein wenig den Überblick verloren. Wer ist wer und steht wie in Beziehung zu wem? Draussen ist es dunkel und wird immer kälter. Das Haus ist ein luftiger, 100 Jahre alter Holzbau mit dünnen Wänden und einfach verglasten Fenstern. Wir hocken alle um den grossen Tisch herum und kochen unser Abendessen. In einem grossen Tontopf dampft der frische Reis, frischer Fisch liegt roh oder gegrillt auf einem kleinen Teller und alle sind damit beschäftigt den Hauptgang zuzubereiten.

Es gibt Takoyaki. Die kleinen Teigbällchen mit Oktopus Stückchen gefüllt werden in einer speziellen Pfanne über einem Gaskocher am Tisch von uns allen zubereitet. Die Pfanne hat viele kleine, halbkugelförmige Vertiefungen in welche Öl gepinselt wird und anschliessend eine Art Eierkuchenteig mit einer Kelle gegossen wird. Darüber werden die Oktopusstücke (Tako), Zwiebelstückchen und Käse gestreut. In der Halbkugel wird der Teig fest und braun und dann muss mit einem Stäbchen stochernd, geschickt die Masse gewendet werden um den noch flüssigen Teig auch von der anderen Seite kugelförmig weiter zu backen. Irgendwann landet die aussen knusprige, innen noch leicht flüssige, brüllend heisse Kugel auf deinem Teller und wird mit Stäbchen in den Mund transportiert – köstlich aber so heiss!

Die Nacht in unserem kleinen Zimmer ist kalt und vor lauter Niesen und Husten komme ich leider nicht zum schlafen. Eigentlich wollten wir noch 2 weitere Nächte hier in den Bergen an der Küste bleiben. Aber der Wetterbericht prognostiziert für die nächsten Tage echtes Herbstwetter mit tiefen Temperaturen und Regen. Ich brauche eine Badewanne mit viel heissem Wasser und einen warmen Platz zum Schlafen. Also planen wir um und fahren zurück nach Fukuoka in ein kleines, feines Stadthotel. Wir bedauern das, sind aber froh um die schönen Eindrücke des ersten Abends.

Obwohl die Kommunikation etwas schwierig war, fühlten wir uns wie bei den Leuten daheim. Chiharus Tochter Nagi war überhaupt nicht so schüchtern, wie von ihrer Mutter behauptet. Conny und Nagi führten ausführliche Gespräche auf Japanisch – Deutsch. Am Tisch wurde viel gelacht und diskutiert, natürlich auf japanisch, aber wir gehörten, zwar am Rand, aber für den Augenblick dazu. Chiharu bemühte sich sehr um uns, sorgte für ausreichend Essen auf unseren Tellern, übersetzte und gab uns gute Tipps für Ziele in der näheren Umgebung. Ein schöner Moment, gelebt im Hier und Jetzt …

Frühstück mit Blick aufs Meer … endlich
Salzpudding
Sakuri Futamigaua … verheiratete Felsen

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