YUGEN 幽玄

… die wahre Schönheit liegt im Angedeuteten oder sogar im Verborgenen.

Wir sind endlich aus den grossen Städten heraus und in den Bergen, in der Natur. Der morgendliche Nebel wabert an den Berghängen unseres Hausberges, dem Mount Yufu, entlang. Der Gipfel ist bereits von der Morgensonne hell beleuchtet, aber der Ort Yufuin ist noch in neblige Watte gepackt. Auf der Hauptverkehrsstrasse sind erst wenige Autos unterwegs und der Wachposten der japanischen Selbstverteidigungskräfte schaut mir mit übermüdeten Augen entgegen – unser tolles Airbnb Haus liegt in unmittelbarerer Nachbarschaft zu einer Kaserne.

60ziger Nostalgie in Showa Museum von Yufuin

Noch hat ein kein Zug aus den grösseren Städten von Kyushu den beschaulichen Bahnhof in Yufuin erreicht und somit sind noch keine Massen von Rollkoffer ziehenden Touristen auf den Strassen unterwegs. Wir schlendern die Hauptstrasse in Richtung des Bahnhofs entlang in Hoffnung auf ein bereits offenes Café und eine erste Tasse belebenden Kaffes. Aber: Keine Touristen – kein geöffnetes Café!

Deshalb entscheiden wir uns spontan am Bahnhof in den gleich kommenden Express-Zug einzusteigen und aus den Bergen zum Meer, in DEN Onsen Ort Beppu zu fahren. Ein Ticket ist schnell gekauft und der obligatorische Bahnhofsstempel in unser Sammelbuch gedrückt. Der knallrote Triebwagen erreicht den Bahnhof und wir versinken nach dem Einsteigen förmlich in weich gepolsterten Sitzen. Der Zug ist Nostalgie pur … viel Holz und plüschige Bänke. Wir rattern auf einem einspurigen, grün bewachsenen Gleis durch Baumtunnel hinunter aus den Bergen zum Meer.

Beppu ist dann wieder eine richtige Grossstadt. Der grössere Bahnhof bietet a) einen Kaffee für uns und b) einen Ticketautomat zum Kauf des Rückfahrt Billetts. Und unsere „rollende Planung“ erweist sich als für uns glücklich. Eines unserer Reiseziele war es, möglichst einige der nostalgischen, besonderen Züge in Japan zu nutzen. Einer davon ist der „Yufuin no mori“ Express. Und genau der fährt zu einer uns passenden Zeit wieder zurück in die Berge – mit uns!

Zuerst besuchen wir aber die brodelnden, leicht muffelig riechenden, farbenfrohen „Höllen“ von Beppu. Am Rande der Stadt, genau zwischen dem Meer und den ansteigenden Berghängen quillt heisses Wasser aus dem Boden unter der Stadt. Mit 98°C sprudelt das Wasser in kleine Becken, die wir umrunden. In einem der Becken ist das Wasser bläulich, milchig und dann wieder tief rot. Nett, aber zu viele Menschen hier, die sich mit Selfie Sticks aus immer neuen Positionen an den Becken fotografieren.

Somit ist das wahre Highlight für uns der Weg hin und wieder zurück nach Yufuin. Der „Yufuin no mori“ Express ist nochmals eine Steigerung an Nostalgie. Und das tollste: Wir sitzen im ersten Waggon des Triebwagens und können durch eine grosse Panoramascheibe die Frontaussicht des Zugführers mitgeniessen. Die Zugfahrt ist als Komplettpaket ein Erlebnis. Das Zugabteil ist bequem, die jungen Zugbegleiterinnen erinnern eher an Stewardessen einer Airline aus den siebziger Jahren. Und dann der Ausblick in die Landschaft: Wir fahren an Berghängen entlang durch sich herbstlich verfärbende Wälder. In den Tälern klettern Reisterrassen nach oben und der Zug durchfährt immer wieder wunderbare grüne Tunnel mit dicht am Gleis wachsenden Bäumen. Die milderen Temperaturen und die Feuchtigkeit des Meeres sorgen für eine üppige Vegetation.

Wir spüren, dass uns die kleineren Orte in der Natur mehr gefallen, als die grossen Städte. Schon die Anreise nach Yufuin war Genuss. Als wir endlich den Speckgürtel von Kumamoto hinter uns gelassen haben und dem Aso Vulkan uns näherten wurde es grüner um uns herum.

Der Verkehr nimmt ab und das langsame Fahren mit den erlaubten 40 km/h nervt nicht mehr. Unser Suzuki schnauft mächtig, als er den Kraterrand des Vulkans erklimmen muss, aber wir werden mit einer grandiosen Aussicht in die riesige Caldera belohnt. Dieser grosse Krater ist bei grösseren Ausbrüchen vor 100 000 Jahren entstanden. Inzwischen ist das Becken üppig grün, Ackerland und Siedlungsgebiet.

Am ehemaligen Kraterrand gibt es noch aktive Vulkane, die beständig giftigen Rauch abgeben. Deshalb ist auf dem Besucherparkplatz am Fuß des Vulkans für uns kein Weiterkommen mehr möglich und eine Besteigung des Vulkans ist aufgrund zuviel Schwefelgases in der Luft nicht erlaubt. Eine kleine Wanderung führt uns auf einen der Nebengipfel und wir können von dort den Blick auf die riesige Caldera und den rauchenden Restvulkan geniessen.

Und wie bereits auf anderen Reisen erlebt: Wo es Vulkane gibt, gibt es auch heisses Quellen. Auf unserem Weg weiter nach Yufuin fahren wir durch bunte Wälder und stoppen spontan an einem öffentlichen Onsen. Conny und ich verschwinden hinter verschiedenen Türen und geniessen, nachdem wir uns ordentlich gewaschen haben, das klare warme Wasser in grossen Becken. Der alte Onsen ist ein schuppenartiger, grösserer Holzbau. In der Mitte trennt eine Wand die Bereiche für Männer und Frauen. Da die Wand aber nicht bis zum First des Daches reicht und Conny und ich die einzigen Besucher des Bades sind, können wir uns im warmen Wasser liegend trotzdem verständigen. Vom Aussenbecken hat man einen schönen Blick in den herbstlichen Wald, das Wasser dampft und über ein Bambusrohr fliesst munter sprudelndes Wasser nach … das meint vermutlich das Wort „yugen“.

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