Shinrin Yoku 森林浴 Waldbaden

Die Wetteraussichten waren mies und wir überlegten kurz, ob wir es trotzdem wagen sollten: mit dem Speedboot knappe drei Stunden über das Ostchinesische Meer fliegen und bei 80 prozentiger Wahrscheinlichkeit im Regen die Insel Yakushima erkunden. Ich habe mich durchgesetzt, denn ich wollte unbedingt durch die Wälder streifen, die das Ghibli-Team zur Kulisse für den Film „Prinzessin Mononoke“ inspiriert haben.

Ganz schön durchgeschüttelt und halb erfroren (die Klimaanlage an Bord verteilte eiskalte Luft) landeten wir bei leichtem Nieselregen auf Yakushima. Unsere Gastgeber hatten uns einen kleinen Mietwagen organisiert und so waren wir schnell gerüstet für unsere nächsten drei Tage.

Da wir noch ein paar Stunden bis zum Checkin hatten, machten wir uns gleich auf den Weg ins Shiratani Unsuikyo Gebiet. Die Wege sind gut ausgebaut und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Wir konnten uns am grünen, moosbedeckten Wald mit den uralten Zedern einfach nicht satt sehen. Ab und an blitzte noch eine letzte dunkelrote Hibiskusblüte oder eine zart rosafarbene Azalee auf, aber ansonsten alles grün! Der Regen hatte aufgehört und so konnten wir das Moos nicht nur sehen, sondern auch riechen. Langsam schritten wir über Wurzeln und Moos oder hüpften über die Steine, die sich im Flussbett aneinander reihten.

Manchmal hatte ich das Gefühl, gleich müssten Moro und ihre beiden Söhne an uns vorbeijagen, auf dem Rücken Prinzessin Mononoke. Und dort im Moos, habe ich da nicht gerade einen kleinen Waldgeist gesehen?

Die drei Stunden vergingen wie im Flug und so fuhren wir an den Südzipfel der Insel, wo wir ein Häuschen mit Meersicht gemietet hatten. Ach was sage ich, ein HAUS! Nicht leicht zu finden, auf einem abgeschiedenen kleinen Vorsprung direkt über dem Meer! Einzigartig! Und im Umkreis von 500 m keine Nachbarn.
Und ursprünglich und liebevoll eingerichtet. Danke, liebe Keiko und Familie, dass wir hier 2 Nächte verbringen durften!

Als die Dämmerung einbrach, besuchte uns eine Sippe (naja, eher eine Horde!) Makakenaffen. Ungestüm wälzte sie sich durch den gepflegten Garten und war irritiert, dass es auch noch andere Bewohner hier hat!

Die Nacht war stürmisch und der Wind zerrte am Dach und an den Fenstern, sodass wir nur wenig Schlaf fanden. Einsamkeit und Abgeschiedenheit ist eben auch nicht nur von Vorteil 😉 Gegen halb fünf riss uns ein quietschender Schrei aus dem leichten Schlaf: gruselig und auch ein bisschen beängstigend … War es eine Maus, die sich ein Wanderfalke holte? Oder eher das Quietschen eines Schiebefensters? Oder …? Wir fanden die Ursache nicht.
Aber ich wollte hier auch keinen Kriminalroman schreiben – aber ein Ort für einen Krimi wäre es durchaus gewesen! Abgeschieden auf einer Insel, stockdunkel, einsam am Meer und in der Ferne das Leuchtfeuer für die Schiffe … vielleicht ein anderes Mal …

Am nächsten Tag, das Wetter hielt, was die Vorhersage versprochen hatte, umrundeten wir die Insel mit dem Auto. Gut drei Stunden, und wir waren wieder am Ausgangspunkt angelangt. Da wie in den Berichten zuvor bereits erwähnt, die Geschwindigkeit auf den sehr sehr schmalen Strassen recht reglementiert ist, kamen wir nur langsam voran. Aber genau das ist es doch: wir konnten so viel mehr entdecken! Auf einem Abschnitt geht es auf einem Waldpfad entlang durch einen Urwald. Makakenäffchen, gross und klein, tummeln sich auf dem Weg, lausen sich oder staunen über die blechernen Ungetüme, die mit viel Getöse ihre Ruhe stören. Kleine Sikahirsche schauen verträumt aus dem Dickicht.

Auf Yakushima scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Für uns eine gute Gelegenheit, Ruhe zu tanken und die Natur in vollen Zügen zu geniessen. Ob das die Menschen, die hier leben, genauso sehen, muss offen bleiben. Mehrheitlich haben wir ältere Menschen angetroffen. Und auch unsere Autovermieterin warnte uns vor etwas „tüteligen“ Verkehrsteilnehmerinnen … es ginge eben alles etwas langsamer 🙂

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