Kerman

Mit Kerman haben wir den südlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Der Weg hierher führte durch eine steinige Wüstenregion und je näher wir Kerman kamen sahen wir rechts und links der Strasse viele Plantagen mit Pistazienbäumen. Die Bäume ähneln sehr alten Weinreben oder Olivenbäumen. Die besten Pistazien kommen aus Rafsanjan, das wir auf halbem Weg nach Kerman passierten. Hier waren die Bäume bereits grün und trugen ihre Früchte. Diese Gegend liegt mitten in der Wüste, knapp 1000 Meter über Meer. Entsprechend warm oder heiss war es hier bereits.

Kerman liegt deutlich höher, auf 1800 Meter und ist entsprechend „kühler“ … an über 80 Tagen fällt hier die Temperatur unter 0 Grad, was einem aber augenblicklich eher schwer fällt sich vorzustellen. Die reiche Gegend von Kerman mit der Provinzhauptstadt ist wieder von hohen, schneebedeckten Bergen umgeben. Die Stadt wirkt aus dem Busfenster betrachtet modern. Die Frauen auf den baumbeschatteten, breiten Strassen sind nicht ausschliesslich mit bodenlangen schwarzen Tüchern bekleidet. Viele Schleier werden sehr leger getragen und die Kleidung ist farbiger als z.B. im streng religiösen Yazd, wenn auch gedeckte Farben überwiegen und wir Europäer allein aufgrund unserer bunten Kleidung auffallen.

Die letzten beiden Tage waren wieder sehr vielfältig und ich liege am Abend müde im Bett und ein „Film“ voller eindrücklicher Bilder läuft vor dem inneren Auge ab. Vieles müsste man aufschreiben, aber ich will mich auf die für mich und somit total subjektiven Highlights beschränken.

Der inzwischen obligatorische Basar Besuch endete diesmal in einem Teehaus mitten im Basar. Dieses war früher ein Hamam (Badehaus). Generell sind die Basare sehr überlegt gestaltet. Die lange Basarstrasse ist überdacht und schützt so Käufer und die angebotenen Waren vor zu viel Sonnenlicht. An einem Ende des Basars befindet sich immer eine Karawanserei, in welcher die Händler mit ihren Waren Stadion machten. Die Waren wurden untereinander verkauft und natürlich der Bevölkerung der Stadt angeboten. Das andere Ende des Basars ist immer eine Moschee. Somit ist der Basar der zentrale Ort der Stadt oder Siedlung. Hier wird gehandelt, gebetet und sich eben auch gewaschen.

Im Hamam hatten sich die ziehenden Händler und die Bewohner der Stadt ausführlich zumindest einmal in der Woche gewaschen oder auch waschen lassen. Dazu gehörten mehrere Bäder, Einseifen, Hautpeeling und das Rasieren. Leider gibt es bereits seit längerem und vor allem seit der islamischen Revolution keine Hamam-Kultur, wie z.B. in der Türkei, mehr. So wurden die historischen Badehäuser als Museum oder eben als Teehaus umgenutzt.

Unser Teehaus liegt deutlich unter dem Strassenniveau des Basars. Stufen führen in einen bunt bemalten und mit bunt emaillierten Kacheln verkleideten grossen Gewölberaum. Auf Diwans lümmeln die Gäste, trinken Tee und paffen Wasserpfeife. Mitten im Raum spielt eine Zweimannkapelle mit einem Hackbrett und einer Handtrommel iranische Volksmusik. Alle singen, klatschen und pfeifen begeistert mit. Eine ausgelassene Stimmung mit fröhlichen Gästen. Viele Iraner, mit denen wir „geschäftlich“ zu tun haben (Polizei, Rezeption oder auch einige Händler) können sehr mürrisch dreinblicken … hier nicht. Unsere Reiseleiterin Iran erzählte mir, dass es vor 1979 viele Teehäuser, genannt Cafés 🙂 in den iranischen Städten gab, diese den Mullahs aber als Orte des Vergnügens, der Musik und des Zwischenmenschlichen verhasst sind. Es gibt immer noch Teehäuser, aber Bürokraten finden Gründe diese zu schliessen. Conny schloss Bekanntschaft mit einem kleinen Mädchen, welches schon raffiniert zur Musik tanzte … sie können das vermutlich von Geburt an, was ich in Jahren Tanzschule nicht hinbekommen werde … sich natürlich im Rhythmus der Musik bewegen.

Am Morgen danach sind wir wieder in die Wüste aufgebrochen, um in Mahan einen Schrein eines Sufi-Mystikers und eine Wüsten-Zitadelle in Rayen zu besuchen. Beide Städte liegen als Oasen in der Einöde der Steinwüste. Ringsum ist kaum Vegetation auszumachen und dann tauchen grüne besiedelte Flecken auf. Baumbestandende Alleen führen in den Ortskern mit Moschee, Karawanserei und Basar.

Der Besuch des Mystiker-Schreins war aus zwei Gründen sehr lohnenswert. Im Schrein, eigentlich auch eine Moschee, gab es eine kleine fensterlose Kammer, deren Wände und Gewölbedecke über und über mit Kalligrafien bedeckt waren. Ein Ort, in dem Sufi in einer Selbstversenkung (30 Tage bei Wasser und Brot an diesem Ort) zu Gott finden. Der Wärter des Schreins schloss uns nicht nur diese Tür auf, sondern öffnete uns auch die Tür zum Dach. Wir nutzten diese Gelegenheit für viele Fotos und die Besteigung des schmalen, steil aufragenden Minaretts.

Bis zum Jahr 2003 fuhren die meisten Besucher von Kerman bei einem Tagesausflug nach Bam. Hier befand sich das Weltkulturerbe der grössten Ziegelsteinzitadelle. Leider brachte ein schweres Erdbeben viel Leid über die Region von Bam … 2003 bebte die Erde so heftig, dass in der Stadt 35 000 Menschen ums Leben kamen, ihre Häuser und auch die Zitadelle vollkommen zerstört wurden. Inzwischen wird die Anlage wieder restauriert, aber das wird vermutlich noch Jahre andauern.

Daher bogen wir von der Strasse nach Bam ab und besuchten die zweitgrösste Zitadelle in Rayen und bekamen dort ein gutes Gefühl für das mittelalterliche Leben in einer persischen Festungsstadt. Die Strasse nach Bam führt weiter nach Afghanistan und Pakistan und wird scheinbar auch von Drogenschmugglern genutzt. So gibt es auf dieser Strasse einen Kontrollposten der Polizei und wir durften eine kleine iranische Machtdemonstration miterleben. Unser Bus wurde gestoppt, alle durften/mussten aussteigen und ein Polizist mit Drogenhund inspizierte den Bus nach afghanischen Hasch und Opium … beides, wer hätte das gedacht, war nicht zu finden und wir durften weiter zum idyllischen Prinzengarten bei Mahan fahren. Der Park ist ein Paradies in der Wüste. Das Wasser aus den nahen Bergen ergiesst sich über Kaskaden und bewässert mit kleinen Kanälen die Gartenanlage. Conny und ich durften schon einmal so einen paradiesischen Garten besuchen … In Spanien, Andalusien, Granada – in der Alhambra!

Für das Abendessen hatte Iran wieder einen Besuch bei einer Familie arangiert. Zur Familie gehört eine Dame, die in Zürich lebt und gut mit unserer Reiseführerin befreundet ist. So hatten wir die Gelegenheit, den Abend im Haus der Familie Esmaili zu verbringen. Ihre jüngste Tochter holte uns im Hotel ab und begrüsste uns auf Deutsch. Sie besucht demnächst Ihre Tante in Zürich und lernt deshalb Deutsch. Gemeinsam fuhren wir an den Stadtrand, wo die grosse Familie ein schmales Haus, eingeklemmt zwischen anderen relativ neu gebaut hat. Die Familie begrüsste uns alle ausserordentlich freundlich und bewirtete 15 Fremde von einem anderen Kontinent. Würden wir das auch machen? … Klar!

Im Wohnzimmer wurde für alle Platz und der Tisch zum Büfett gemacht … wie bei uns, wenn wir viele Gäste bewirten dürfen. In der Küche wuselte die Hausherrin mit Ihren Töchtern und wir erfrischten uns mit einem Honigmelone-Drink. Damit es erst gar nicht zu peinlichem Schweigen kommt, hatte die Familie 2 befreundete Musiker eingeladen, die mit Violine und Trommel musizierten. Zwei der Töchter begannen zu tanzen und forderten einen nach dem anderen von uns auf, sich im Wohnzimmer zu orientalischer Musik zu bewegen … genau das, was wir Nordeuropäer so super können, die Hüfte kreisen lassen. Conny nehme ich da natürlich aus. Sie ist in dieser Beziehung bereits assimiliert im Iran.

Die Familie hat uns sehr schmackhafte Gerichte zubereitet. Vor allem mag ich ein Püree aus Auberginen, Paprika und Tomaten, dass wunderbar mit dem frisch gebackenem Fladenbrot schmeckt. Die Familie bäckt im Wohnzimmer ihr eigenes Brot. Da dies mit den vielen Gästen zu warm geworden wäre, wurde bereits vorgebacken und eine der Töchter zeigte uns auf ihrem Computer, wie Ihre Mutter am Nachmittag das Brot buck. Der Brotteig wird sehr dünn ausgewellt und auf einem Stoffkissen aufgezogen. Der Ofen ist ein Zylinder, sieht aus wie eine übergrosse ausgebaute Trommel aus einer Waschmaschine, der unten mit einer Gasflamme beheizt wird. Der Brotteig wird mit dem Kissen und einer schwungvollen Bewegung an die Innenwand des Zylinders geklatscht und so gebacken. Wenn es kross und dunkel ist (etwa nach 2 Minuten) kann es von der Ofenwand abgenommen werden.

Der Abend war kulinarisch und kulturell sehr gelungen. Wir durften sogar unseren Freund Farshid wunderschön und mit viel Gefühl ein persisches Lied singen hören. Vielen Dank, Farshid! Unsere Reiseleiterin Iran ermöglicht uns sehr gute Einblicke in das iranische Leben und Farshid gelingt es mit seiner kommunikativen Art einen offenen Kontakt zu unseren Gastgebern zu bekommen.

Gerade sitzen wir im Bus und lassen unseren Fahrer Bahram die längste Etappe unserer Reise bewältigen. Es geht 600 km durch Zentraliran wieder in westliche Richtung nach Shiraz. Dabei queren wir das Zagrosgebirge und fahren an grossen Salzseen vorbei. Einerseits eine sehr lebensfeindliche Umgebung, dann tauchen wieder Plantagen mit Feigen-, Granatäpfel- und Mandelbäumen auf. Wir werden knapp 10 Stunden unterwegs sein und werden sicher von unserem Fahrer durch den iranischen Verkehr chauffiert.

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