Shiraz ohne Wein

Die Stadt Shiraz erfrischt uns. Die Wüste liegt hinter uns und wir bewegen uns durch eine alte, aber modern wirkende Stadt, die seit einigen Jahren die Partnerstadt vom thüringischen Weimar ist. Eigentlich sagt bereits das viel über diese Stadt aus … sie ist etwas älter (über 2000 Jahre) und hat geringfügig mehr Einwohner (1,5 Millionen) 🙂 … aber ansonsten sind die Parallelen so naheliegend.

Shiraz ist eine grüne Stadt mit vielen Parkanlagen. Wir besuchten einen sehr belebten typisch persischen Garten (Eram Garten), in dem viele Schulklassen, nur schwer von ihren Erziehern zu bändigen, herumspringen. Wie bei unseren Schulausflügen früher. Die breiten Boulevards sind von schattenspendenden Bäumen gesäumt. Der grüne Baldachin unseres Hoteleingangs duftet nach Jasmin und Orangenblüten. Leider hat das Hotel vermutlich in den mittleren 70er Jahren des letzten Jahrhunderts seine grosse Zeit gehabt. Nun ist es eher schäbig als schick. Der ehemalige Pool ist verfallen und trocken gelegt. Iran, unsere Reiseleiterin erzählte uns, dass sie in den Siebzigern in Shiraz studierte und damals sich gern in diesem Pool erfrischte … nun herrscht eine andere Zeit im Iran. Leider!

Zurück zu den Parallelen. Wofür steht Weimar – ganz klar für unsere deutschen Dichterfürsten Goethe und Schiller. Seit Juli 2000 befindet sich aber oberhalb des Illm Parks auch ein Denkmal für einen iranischen Dichter, der vor allem Goethe sehr stark beeinflusste. Shiraz ist der Lebensmittelpunkt zweier genauso weltbedeutender Dichter – Saadi und Hafis lebten im 13. Jahrhundert hier in dieser schönen Stadt, wirkten hier und heute findet der Reisende die Gräber beider Dichter in grossen Parkanlagen mit Mausoleen.

Wir besuchten zuerst das Grab von Saadi und Iran las uns dort das zuvor gebloggte Gedicht vor. Conny durfte die deutsche Übersetzung übernehmen (naja, vorlesen). Saadi war ein Meister von sehr knappen aber zutiefst menschlichen und nachdenklich machenden Zeilen. Sein zitiertes Gedicht „Verbundenheit“ findet sich über dem Eingang zum UN-Gebäude in New York. Seine beiden Hauptwerke sind „Bustan“ (Duftgarten) und „Golestan“ (Rosengarten) … Bereits die Titel sind ein Gedicht und wecken ein Bild von Shiraz in einem.

Nach Saadi besuchten wir den Lieblingsort des iranischen Shakespeare Hafiz. Er verdient diesen Titel, da er mit seiner Dichtung Ähnliches an Umfang als auch für die Bildung einer einheitlichen nationalen Sprache geleistet hat, wie Shakespeare 300 Jahre später in England.

Hier in diesem Park schrieb Hafis seinen Diwan. Die Verse handeln von der Liebe und dem Wein und inspirierten nicht nur Goethe, sondern sind im heutigen Iran a) in vielen Haushalten zu finden und b) sehr aktuell. Die Liebe ist universell und muss nicht erklärt werden, der Wein allerdings wird von Hafis als Metapher für den Glauben genutzt. Im Park findet sich auch das Grabmausoleum des Dichters. Auch hier durften wir von Iran und Conny vorgetragen, ein sehr passendes und feines Gedicht hören, sein „Testament“. Mich beeindruckte vor allem, wie viele Iraner die Gräber beider Dichter besuchen, die Hand auf den Sarkophag legen und wie bei einer jungen Frau beobachtet, sogar tief gerührt in Tränen ausbrechen … passiert in Weimar vermutlich seltender.

Unseren 2. Tag in Shiraz nutzten wir um einen beeindruckenden Ort in der Nähe zu Besuchen. Persepolis ist zwar nicht offiziell eines der 7 antiken Weltwunder … müsste aber mit dazu gehören. Eine Wand aus Stein, über 300 Meter lang und sicher 30 Meter hoch türmt sich vor uns auf. Grosse Steine sind passgenau gefügt und bilden das beeindruckende Fundament der Repräsentationshauptstadt des achämendischen Persiens. Vor 2500 Jahren durften/mussten die 24 Völker, die damals zum beherrschten Staatsgebiet gehörten, bei Zeremonien den Königen Darius und Xerxes huldigen. Auch dazu gibt es den passenden Hollywood-Film … „300“ … allerdings kommen die Perser in diesem Film nicht so besonders gut weg 😦

Auf dem riesigen Fundamentsockel finden sich die Überreste der alten Stadt. Sehr gut sind die verschiedenen Einflüsse erkennbar. Die Babyloner, die Assyrer, die Ägypter und die Griechen haben die persische Architektur beeinflusst. Alle eroberten Völker wurden im Reich integriert. Das Tor der Nationen, das man nach dem Besteigen des Fundaments über 110 Stufen (Conny und ich sind zeremoniell, andächtig die Stufen aufgestiegen :-)), erinnert sehr an das Ishtar Tor aus Babylon, welches wir schon oft in Berlin im Pergamon Museum besuchen konnten. Ebenfalls beeindruckend sind die Reliefverkleidungen der Treppenaufgänge. Hier sind die Delegationen aller 24 Nationen mit einem voran schreitenden Perser und ihren jeweiligen Geschenken, mystische Gestalten, die Könige Xerxes und Darius und ihre Garden sehr detailreich dargestellt. Knapp 300 Jahre später revanchierte sich der grosse mazedonische Alexander für die Zerstörung Athens in Persepolis und brannte die eroberte Hauptstadt nieder. Auch das kann in der Hollywood Variante im Film „Alexander“ nach gesehen werden … Hier wurde Weltgeschichte gemacht.

Die Gräber dieser grossen Könige befinden sich in der Nähe. Grosse kreuzförmige und altar-ähnliche Grabmäler wurden in den Fels geschlagen. Die alten persische Könige symbolisierten die Sonne, die am Ende des Tages in den Bergen versinkt und wie die Sonne „verschwinden“ die Könige in den Bergen. Ein mystischer Platz, dessen Eindruck noch durch einen kubistischen Tempel, von welchem die Bedeutung unklar ist, verstärkt wird. Natürlich ist man in Persepolis und bei den Königsgräbern nicht allein … viele Busse finden den Weg hierher. Aber es ist verständlich, die beiden Orte sind bedeutend für unsere Weltgeschichte und unbedingt besuchenswert. Das wir so früh gestartet sind, machte sich ebenfalls bezahlt: die Sonne war noch erträglich und der Andrang an Touristen überschaubar.

Auf dem Weg zurück nach Shiraz besuchten wir noch die Nasr or Molk Moschee und genossen das Spiel des Lichtes durch die farbigen Fenster im kühlen, säulenbestandenden Wintergebetsraum. Sitzen auf weichen Teppichen, sich an kühle Wände lehnen und in sich hinein hören. Der danach besuchte Schrein war dann recht speziell … ich meine dabei nicht die Millionen kleiner Spiegelblättchen bedeckten Wände und Kuppeln.

Speziell waren die „äusseren“ Umstände. Unsere Frauen mussten vor Betreten des Schreins einen Tschador umwerfen, obwohl ja alle bereits ein grosses Kopftuch trugen. Der Zugang war zweigeteilt, Männer links und die Frauen betraten den Schrein durch eine andere Tür auf der rechten Seite. Im Kuppelsaal trennte dann eine mannshohe Holzwand Weiblein von Männlein.

Vor unserer Reise habe ich einige Reiseblogs über den Iran gelesen und frage mich, wie und was soll man berichten. Der Iran ist ein wunderbares Reiseland, exotisch, anders und sehr sehenswert. Wir fühlen uns sicher und werden immer freundlich angesprochen. Besonders Christiane ist inzwischen von hunderten iranischen Smartphones oder Kameras abgelichtet worden. Ständig fragt mich jemand nach meinem Namen, woher ich komme und ob es mir im Iran gefällt … Tut es! Trotzdem macht man sich seine Gedanken, die durch den Besuch im Schrein bestärkt werden. Einerseits schwarz verhüllte Frauen, die anderseits aber grell geschminkt sind. Das Land ist reich, aber der Reichtum ist ungerecht verteilt. Viele Unternehmen gehören religiösen Stiftungen und somit den Mullahs. Die Todesstrafe wird oft vollstreckt und die Polizei ist recht präsent. Auf den Strassen kommt ca. alle 100km ein Kontrollposten und unser Busfahrer muss sich mit seinem Fahrtenbuch dort melden. Überall in öffentlichen Gebäuden, selbst im Hotel hängen grosse Bilder vom Ayatollah Chomeini, bereits Tod und ohne Brille und Ayatollah Chameini, momentan das Staatsoberhaupt und mit Brille. Die Unterscheidung mit oder ohne Brille ist wichtig, da sie sich sonst durch Kleidung, Turban und grauem Bart sehr ähneln. Rings um Shiraz waren viele grosse militärischen Einrichtungen links und rechts der Strasse. Das Militär und die paramilitärisch-religiösen Einheiten der Pasdaran-Revolutionsgarden sind im iranischen Alltag sehr präsent. Fährt unser Bus in eine Ortschaft, sind an den Strassenlaternen die Bilder der im Irak-Iran Krieg gefallenen „Märtyrern“ auf grossen Plakaten zu sehen. Und es gibt noch weitere kritische Dinge … Dank Farshid und Iran sehen wir das Land nicht nur durch die rosarote Touristenbrille und das ist sehr wertvoll.

Ich habe aber nicht den Eindruck von religiösen Fanatikern hier umgeben zu sein. Die Iraner sind uns fremden Europäern gegenüber offen und herzlich. Das Religiöse dominieret nicht das Leben einer städtischen Bevölkerung, wie in Teheran oder Shiraz. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass durch die politische und religiöse Führung des Irans die Anschläge des 11. Septembers verurteilt wurden und in Teheran Leute Kerzen auf der Strasse zum Gedenken an die Opfer entzündeten. Ganz anders als im Partnerland der USA, Pakistan, wo amerikanische Flaggen verbrannt wurden. Das Land hat unheimlich Potential und mir wird recht deutlich, dass unser Bild vom Iran in D und CH geprägt ist durch einen amerikanischen Blick auf die Welt. Es ist kompliziert, bei so viel Widersprüchlichen eine „kritische“ Distanz zu wahren …

Genug für diesmal … Geschrieben auf dem Weg nach Esfahan, vorbei am Grabmal von Kyros, das schon Alexander der Grosse ehrfurchtsvoll besuchte und nicht zerstörte.

2 Gedanken zu “Shiraz ohne Wein

  1. Liebe Conny und Jörg. Fast will mir schein, als ob ich bei eurer Reise durch einen faszinierenden und manchmal auch irritierenden Iran mit dabei gewesen wäre :-)) Eure lebendigen Blogtexte geben mir einen ersten Rahmen, welchen ich nach Sichtung aller Aufnahmen und dem Entziffern meines Notizen-im Bus-Gekrakels zu einer eigenen Masterarbeit aufschaffen will. Auf diesem Weg schon mal herzlichen Dank für eure Steilvorlage. Es war lässig mit euch. Gerne würde ich euch noch etwas „Wüsten“-Wetter am Bosporus gönnen. Wie auch immer – geniesst auch dieses 1001-N-Märchen.

  2. Ich kann dem nur voll und ganz zustimmen, mich haben die gleichen Gefühle und Gedanken beschäftigt. Es war eine tolle Reise, ein hoch interessantes Land und eine super Reisegruppe/Gemeinschaft. Liebe Grüsse an den schweizer Teil der Gruppe und Danke, dass ich jetzt von mir behaupten kann ich verstehe Schweizerdeutsch (nicht perfekt aber die groben Zusammenhänge :).
    Liebe Grüsse an alle aus Istanbul

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