Oh, Sie sprechen Deutsch?

Das war eine wirklich unerwartete Frage! An uns gestellt im besten, dialektfreien Deutsch durch eine junge mongolische Frau. Überraschend und so unerwartet für uns an diesem Abend in Ulan Bator. So überraschend wie die Stadt!

Wir waren wieder zurück in der Zivilisation. In einer Stadt, sogar einer Millionenmetropole und Hauptstadt eines Landes, das 3 mal grösser als Deutschland ist. Aber ein Land mit viel Platz für seine etwas über 3 Millionen Einwohner. Ein Drittel aller Mongolen drängen sich, fast in der geographischen Mitte des Landes, in der breiten Senke eines Flusses an den weich gerundeten Hängen der umliegenden Berge in einer der wenigen Städte des Landes zusammen. Unser Fahrer brachte uns sicher und auf einer anderen Route durch die endlose Steppe und über mit grossen Steinmännern gekrönte Pässe wieder zurück in die Stadt.

Unser beider Vorstellung von „Stadt“ erfüllt Ulan Bator nur bedingt. UB ist eine junge Hauptstadt. Erst seit 100 Jahren leben dauerhaft Mongolen und nicht nur lamaistische Mönche in Klöstern hier. Aus der ursprünglichen Ansammlung von Jurten ist vor allem in der sowjetisch, chinesisch dominierten Zeit eine Siedlung mit einem „repräsentativen“ Stadtzentrum mit den dazu gehörigen Bauten für Regierung und den neuen sozialistischen Bürger entstanden. Dieser sollte nicht mehr als Nomade durch die Steppe ziehen, sondern als Werktätiger z.B. in der neu geschaffenen Industrie den siegreichen Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung voran bringen. Dafür brauchte es schnell ausreichend Wohnraum und öffentliche Einrichtungen, um ein Leben ohne die Jurte zu ermöglichen. Fernwärme aus dem energieliefernden Kohlekraftwerk zum Heizen und für warmes Wasser in den Wohnungen. Wieder eine Reise in unsere Vergangenheit, wieder erinnert vieles an unsere alte Heimat, an die zweite sozialistische Wohnstadt der DDR, Hoyerswerda. Die Plattenbauten waren immer noch genauso grau und der enge Abstand zwischen den Häuserzeilen mit dem etwas Grün dazwischen der Gleiche. Und ringsum und mittendrin, zwischen dem „alten“ gebauten wachsen neue Gebäude in die Höhe. Noch wirkte die Stadt provisorisch, noch im Entstehen. Obwohl der Zahn der Zeit und die extremen mongolischen Witterungszustände an den Gebäuden nagt. Die Busse sind altersschwach und quietschten über die breit angelegten Strassen. Die Fusswege luden noch nicht oder nicht mehr zum flanieren ein. Holprig kommt der Fussgänger voran und das überqueren der Strassen wurde immer zu einer echten Herausforderung. Nicht an den Bordsteinen straucheln und den, Ampeln und Überwege ignorierenden Autos vorbei einen sicheren Weg auf die andere Seite der Strasse finden.

Trotzdem hat die Stadt etwas und war für uns die anderthalb Tage unseres Besuches wert. Vielleicht war es die Kombination aus Nostalgie, einer Prise Dubai, der Exotik der umgebenden Steppenlandschaft und der Freundlichkeit vieler ihrer Bewohner. Bei unseren Spaziergang durch unsere Strassen wurden wir von kleinen Kindern und deren Eltern freundlich bestaunt und angelächelt. Unsere Wohnung auf Zeit lag etwas am Rande des eigentlichen Stadtzentrums und ermöglichte uns so zu Fuss und im Bus wieder zurück, die Stadt und deren Bewohner zu erleben.

Unmittelbar vor unserem Hochhaus, im umgebenden Grau der Plattenbauten und provisorisch errichteten Garagen und Hütten, den wenigen dazwischen verstreut stehenden Jurten und der rissigen Betonplattenstrassen befand sich ein Ehrenhain im tiptopen Zustand für einen sowjetischen General und Kriegshelden, dessen Namen auch wir Deutschen recht gut kennen – General Schukow. In der Mongolei schlug seine Armee unter seiner Führung erfolgreich die Japaner und beeinflusste damit den weiteren Ablauf des zweiten Weltkrieges im Pazifikraum massgeblich. Wir kannten seinen Namen aus unserem Geschichtsunterricht und der Schlacht um Berlin. Vor dem gepflegten Denkmal nutzten Jugendliche die grössere Anlage als Ort zum sich Treffen ausserhalb der vermutlich nicht sonderlich grossen Wohnungen.

Die Strassen Ulan Bators zerschneiden die Stadt in ein Schachbrett. Die lange, schnurgerade angelegte, breite Hauptstrasse führte uns zum zentralen Platz von Parlament, Museum und Theater flankiert. Ein hohes neues Gebäude, dass aussah wie ein überdimensional, blau gefärbter Orangenschnitz ragte aus dem Ensemble heraus und diente uns zur Orientierung in der Stadt. Auf dem Platz traf sich ein buntes Völkergemisch. Mongolen in unterschiedlicher Tracht, chinesische Reisegruppen und vereinzelt, wenige europäische Gesichter dazwischen. Die Front des Parlamentsgebäudes ist ein riesiges Denkmal für den Mongolen, den wir alle kennen. In der Mitte auf einem Sockel, hoch auf einer breiten Front aus Stufen sitz dickbäuchig, fast wie ein Buddha vor chinesischen Lokalen, Dschingis Khan, flankiert von zwei Generälen und schaut auf den grossen Platz hinunter. Vor und auf der Treppe wurde, begleitet von einer symphonisch, bombastischen Musik gerade eine Wachablösung durchgeführt. Die im Stechschritt paradierende Ehrengarde trug operettenhaft bunte Uniformen und schmiss zu Ehren des Khans Ihre Beine hoch in die Luft. Nett anzusehen, aber es wirkte wie eine Szene aus einem der Herr der Ringe Filme – etwas aus der Zeit gefallen.

Das benachbarte Kloster des Staatsorakel war bunt, besuchenswert aber völlig unverständlich für uns. Der Lamaismus, die tibetische Ausprägung des Buddhismus war Staatsreligion in der Mongolei und wird in den letzten Jahren als identitätsstiftend wieder belebt. Beim Rundgang über das Gelände des Tempels begegneten uns grosse bunte Masken von grimmigen Gesichtern, die zu dem noch mit vielen Totenköpfen dekoriert, die Wände und viele Schränke mit Kultgegenständen füllen. Weltentrückt blickende, vergoldete Buddha Figuren sitzen im Lotussitz unter chinesischen Pagoden-Dächern aus Holz, deren Balken bunt bemalt mit Ornamenten sind. Eine vollkommen fremde Welt innerhalb der Klostermauern, die aber von neuen hohen Gebäuden des modernen Ulan Bators überragt wird. Das nahe gelegene Staatskaufhaus bot uns ein grosses Sortiment an Souvenirs … ein wenig Kitsch zur Erinnerung muss bei einer Reise sein.

2 Gedanken zu “Oh, Sie sprechen Deutsch?

  1. Tolle Berichte, sowohl inhaltlich als auch sprachlich! Ein Genuss zum Lesen vom Anfang bis zum Schluss (dieser fehlt zwar momentan noch …). Inzwischen seid Ihr ja wohl auf dem Heimweg oder schon wieder im momentan nebligen Sursee, während wir gerade kurz in den noch sonnigen Süden fahren.
    Vielen Dank fürs Teilen Eurer Erlebnisse!
    Peter & Paula

    1. Ja, mittlerweile sind wir zurück – und der Alltag hat uns schon wieder fest in seinen Klauen. Unsere Eindrücke und Erlebnisse der letzten Woche in Peking wollen wir Euch natürlich nicht vorenthalten! Bitte noch einwenig Geduld, die Berichte folgen demnächst😉 Euch ein paar erholsame Tage im Tessin und bis bald, Conny und Jörg

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