Sandmännchens Paradies

Sand … überall um uns herum nur Sand! Dann ein Hinweisschild, dass der Stromzaum mit 10 000 Volt geladen wäre und ein übersteigen (wie bitte soll das gehen?) mit mindestens 10 Jahren Gefängnis und/oder 1 Million Doller Geldstrafe geahndet wird. Im Dunst der Morgensonne zeichnet sich in der Sandwüste eine deutsche Kleinstadt am Horizont ab. Kirchturmspitze, steile Dächer mit Fachwerkgiebel und Sprengwerk wie bei vielen kleinen Städten irgendwo in Deutschland.

Nur sind wir 8000 Kilometer von Deutschland entfernt und stehen mit unseren Jeeps auf einer Sanddüne und aus der Ferne riechen, hören und sehen wir den tosenden Atlantik der gegen die lebensfeindliche Namib Wüste rollt.

Wir sind 5 Kilometer aus Lüderitz herausgefahren und zur Geisterstadt Kolmanskoppe abgebogen. Und nun bewundern wir deutsche Ingenieurskunst. Ich hole mal etwas aus 🙂 … Lüderitz hat zwar eine perfekte, windgeschützte Bucht – ist aber sonst ein recht lebensfeindlicher Ort. Das Wichtigste: es gibt kein Süsswasser und bis zur nächsten Quelle gilt es mindestens 100 Kilometer trockene Sandwüste zu überwinden. Also baut man eine Schmalspur Eisenbahn. Und dabei achtet man auf Gesteinsfunde … und entdeckte 1908 beim verlegen der Gleise kurz hinter Lüderitz im Sand der Wüste Diamanten.

Nun geht es 1909 mit deutscher Gründlichkeit zur Sache. Das gesamte Gebiet wird zum Sperrgebiet erklärt und eine topmoderne Siedlung in den Sand gesetzt. Kolmanskoppe verfügte über 2 Strassen, natürlich elektrisch beleuchtet und mit Strassenbahn (von Eseln gezogen). Natürlich eine Kaiser Wilhelm Strasse und dann noch eine Ladenstrasse mit einer Eisfabrik, einer Schlachterei, Bäckerei und dem grossen Krimskrams Laden, der alles hatte was die Diamanten Sucher so benötigen. Dann wären da noch das Krankenhaus für bis zu 200 Patienten, Häuser für den Arzt und die Krankenschwestern, das Ingenieur- und das Architektenhaus, das prächtige Gebäude mit Holz-Veranda für den Buchhalter, eine Gästehaus und eine riesige Turnhalle mit Veranstaltungssaal, Grossküche und einer urdeutschen Kegelbahn.

Eine funktionstüchtige Stadt … wäre da nicht der Sand überall. Die Dünen der Wüste sind in die meisten Gebäude hinein gekrochen und der Wüstensand liegt hoch in den Innenräumen. 1954 haben die letzten Bewohner die Stadt verlassen und die Wüste hat übernommen. Die Diamanten in der unmittelbaren Umgebung waren aufgelesen und die Bergarbeiter sind weiter in den Norden, dem Oranje River entgegen gezogen. Noch immer stammen 90% der Schmuck Diamanten weltweit aus dieser Region.

… aber ich möchte keinen Reiseführer schreiben 🙂 … also was machen wir sonst noch. Wir stehen mit unseren nackten Füssen im Atlantik und der Wind blässt uns wild durchs Haar. Endlich wieder Meer. Wir rollen am frühen Nachmittag wieder durch die Wüste bis nach Aus (der ersten Quelle 120 Kilometer entfernt von Lüderitz), sehen eine grosse Herde der Wildpferde und stehen auf einer tollen Campsite auf einem Plateau umgeben von rotgefärbten Felsen im Licht der untergehenden Sonne.

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