Im Ural

Seit 24 Stunden führt uns jede Minute weiter weg von Moskau, tiefer in den Osten hinein. Einen Tag verbringen wir nun schon staunend, faul herumsitzend in unserem kleinen Abteil. Unsere Welt misst in der Breite keine 2 Meter und ist auch nicht viel länger. Zwei bequeme Pritschen, hinter deren Rückenlehnen sich unsere schmalen Betten verstecken. Heruntergeklappt haben wir zweimal 70 cm Platz zum Schlafen. Unablässig wankt der Waggon sieben hin und her – wie auf hoher See – und lässt uns dauerhaft schläfrig werden. Zu tun gibt es nicht viel. Lesen im Buch, aufpassen, welche Station gerade durchfahren wird um sich zu orientieren, Musik im Ohr (Chopin Project passt ausgezeichnet) und seinen Gedanken nachhängen. Am abwechslungsreichsten ist natürlich der Blick nach draussen.

Vor dem grossen Fenster fliegt eilig die Welt vorbei. Inzwischen rattern wir durch bunt gefärbte Mischwälder. Die durch die Wolken durchbrechende Sonne lässt die Farben der bereits herbstlich angemalten Blätter erstrahlen. Dünne Birken zwischen Nadelbäumen wechseln sich mit lichten Wiesen ab. Immer seltender fahren wir an Siedlungen vorbei. Windschiefe Holzhütten mit grossen Gemüsegärten davor. Schlammig, sandige Fahrwege winden sich durch die Dörfer und Frauen mit Kopftüchern wandern die Gleise entlang. Herbstlich kühl ist es bereits draussen … Vermutlich. Genau wissen können wir es nicht in unserem angenehm temperierten Zugabteil. Unser Zug Nr. 2 hielt nur sehr selten in den letzten 24 Stunden.

Wir standen auf den Bahnhöfen von Wladimir und Niznij Novgorod. In Wladimir wurde das erste mal die Lokomotive gewechselt und nach dem Halt in Niznij Novgorod querten wir den russischen Fluss – die Wolga. Eine lange, je Fahrtrichtung einspurige Stahlbrücke überspannt den längsten Fluss Europas. Den Bahnhofshalt in Kirov erlebten wir bereits „fast“ schlafend liegend in unseren Betten gegen 2 Uhr Nachts Moskauer Zeit. Obwohl unser Zug bereits zwei Zeitzonen durchquert hat und die Ortszeit an unserem letzten Halt in Perm Moskauer Zeit plus 2 Stunden wäre, zeigen sowohl die Uhr im Wagon wie auch die Bahnhofsuhren bis in den weiten Osten, bis nach Wladiwostok Moskauer Zeit.
In Perm, gegen 9 (oder 11) Uhr besorgten wir uns auf dem windigen Bahnsteig unser Frühstück. Hält der Zug an einem Bahnhof, steht er meist für gut 20 Minuten dort und man hat Zeit, um sich die Beine zu vertreten und, sofern möglich kleine Besorgungen zu machen. Eine ältere Frau bot Conny etwas brotähnlich Aussehendes aus ihrer grossen dunklen Tasche an und für 50 Rubel bekamen wir 2 Fladen die aus einem Teig und Kartoffeln bestanden und in vermutlich viel Fett ausgebacken wurde. Erinnerten im Geschmack ein wenig an unsere Sächsischen Quarkkeulchen, nur salzig.  Das, unser in Moskau vorsorglich gekaufte Räucherkäse und ein Tee war unser ausreichendes Frühstück.

Langsam finden wir uns beide in die Spielregeln der Transsibirischen Bahn. Unser Wagon hat zwei Zugbegleitet, einen mürrisch älteren Mann, der Nachts im ersten Abteil Dienst tut und eine füllige Dame, die tagsüber unsere Chefin ist. In Moskau stand Sie vor der Wagontür und kontrollierte das Billet plus Reisepass, bevor wir Ihr Reich betreten durften. Richtig erklärt, wie der Hase hier läuft hat sie uns aber nicht viel … Wichtig war Ihr, dass wir kein Papier in die Toilette werfen … also überhaupt kein Papier! Unsere Wagonchefin steht bei jedem Halt vor der Tür und achtet darauf, dass wir rechtzeitig wieder in den Zug einsteigen. Am Morgen saugt sie, bekleidet mit einer mächtigen blauen Kittelschürze den Gang des Waggons und kurz in unser Abteil hinein. Ihr Gesichtsausdruck wechselt zwischen mürrisch am Morgen zu recht freundlich lächend am Nachmittag. Was nachvollziehbar ist. Gerade war sie mit einer grossen Gefrierbox unterwegs und verkaufte мороженое – Eis!

Als der Zug bereits Moskau hinter sich gebracht hatte, schaute das blonde, schnell alle Sprachen auf einmal sprechende Service-Mädchen  (die Russen sagen девочка – Mädchen zur Kellnerin.) zu uns herein. Natascha, so heisst sie, ist für die Verpflegung zuständig und somit eine ganz wichtige Person für uns 😀! Sie bedient irgendwie im Bordrestaurant, wenn Sie der Meinung ist, dass man anrecht auf einen Platz hat. Wir bekamen gestern Abend einen Tisch und Soljanka serviert. Unsere Nachbarn im Wagonabteil neben uns mussten irgendwas falsch gemacht oder nicht verstanden haben (auch sie sind Deutsche – ein älteres Ehepaar vermutlich aus dem Osten Deutschlands) und die Völkerverständigung wollte so gar nicht funktionieren und nur ein dolmetschender Helfer konnte Natascha erweichen, zu akzeptieren, dass die beiden sich mit an einen der Tische setzen konnte. Auch wir müssen – aus welchen Gründen auch immer – unser Abendessen heute um 7 Uhr Moskauer Zeit 😉 in unserem Abteil einnehmen. Aber wie bereits geschrieben sollten wir es uns nicht mit Natascha verscherzen.

Daneben gibt es noch Personal, dass für den gesamten Zug zuständig ist. Da wäre die sehr mürrische Zugchefin, die ihr Personal täglich bei einem der Halts um sich versammelt. Es wirkt eher wie ein Klartext-Gespräch, als Daily SMS (unsere mitlesenden Kollegen wissen was wir meinen, allen anderen erklären wir es gern …)! Im Restaurant wacht eine Dame über das Revier, breit auf einer der Bänke sitzend und intensiv mit Maniküre beschäftigt. Ihre Aufgabe scheint die Kontrolle des Speisewagen-Personals zu sein (ebenfalls eher mit klaren Ansagen in Richtung der Bordküche) und ein prüfender Blick auf Rechnung und eingenommene Rubel. Ganz eine wichtige Person ist vermutlich der den Zug begleitende Mechaniker, der kleinere Reparaturen ausführt, wie die nicht richtig öffnende Automatiktür zwischen den Waggons mittels eines Besenstiels „instandsetzen“ oder laut schnaufend und ein klein wenig fluchend das vestopfte Klo wieder in Gang bringen. Eine ganze Welt auf Schienen!

War es zu Beginn unserer Reise topfeben, fahren wir nun durch bewaldetes Bergland. Der Ural vor unserem Zugfenster ist ein kleines Mittelgebirge und irgendwie nicht das warum auch immer erwartete mächtige Gebirge, dass Europa von Asien abgrenzt. Noch knapp 60 Kilometer und wir sind geographisch in Asien und somit in Sibirien …

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