Leben in der Jurte

Wir sind frisch geduscht, Conny liegt im wohlig Warmen und ich sitze in der Abendsonne und schreibe meine Gedanken nieder. Warum sind dies überhaupt erwähnenswerte Dinge. Einfach – wir sind so weit weg von unserer „normalen“ alltäglichen Welt und das meint nicht (nur) die geographische Entfernung. Rund hundert Kilometer von Ulan Bator enfernt, mitten im Nationalpark stehen unsere Jurten, hier Gers genannt auf einem Platau über dem sich blau dahinschlängelnden Flussband mit einem bunt gefärbtem Gürtel aus Bäumen und Sträuchern. Wir sind nicht einsam oder an einem menschenleeren Ort wie auch schon, aber wir sind weit weit weg …

Der Grenzübergang auf der mongolischen Seite war deutlich entspannter als auf der russischen Seite. Langsam rollte unser Zug in den Grenzbahnhof und die am Bahnsteig auf Posten stehenden Soldaten salutierten stramm dem Zug. Unsere Pässe wurden eingesammelt, ein Einreise- und Zollformular ausgefüllt und dann verschwanden alle Beamte für eine Stunde irgendwo im Bahnhofsgebäude. Müde wartend, darauf hoffend, uns  endlich hinlegen zu können, dehnte sich die Wartezeit natürlich erheblich aus. Pünktlich fünf Minuten vor der angekündigten Abfahrtzeit händigte uns der mongolische Beamte unseren nun abgestempelten Pass wieder aus und wir rollten an den salutierenden Soldaten in die sternenbeleuchtete mongolische Einöde.

Der Abschied vom chinesischen Zug fiel nicht schwer. Das surreale Gefühl auf der Bahnstadion von Ulan Bator zu stehen machte uns euphorisch – so unglaublich und vor Jahren so undenkbar für uns. Einfach losziehen zu können und sich dies auch zu trauen! Den Weg zum vereinbarten Treffpunkt für unseren Transfer zum Jalman Meadows Ger Camp hatten wir uns vorsorglich bei google Map bereits ausgedruckt. In der Realität der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator mit fehlenden Strassenschildern, fast nicht überwindbaren Bordsteinkanten und Fusswegen, die wir so auch vor 30 Jahren in Hoyerswerda Neustadt hatten (windschiefe Betonplatten und tiefe Sandlöcher dazwischen) wurde es dann zu einer kleinen Herausforderung rechtzeitig anzukommen. Aber fast gleichzeitig mit unserem Fahrer erreichten wir das Büro von Nomadic Journeys und es ging viel bequemer mit einem Landcruiser wieder aus der Stadt heraus.

Zuerst auf einer breiten gut asphaltierten Strasse, dann bogen wir auf eine schmalere Strasse mit stellenweise Schotterpiste ab und schliesslich wurde es zu kaum erkennbaren Pfaden mitten durch die Steppe. Unser Fahrer fuhr nach Gefühl, die ungefähre Richtung anpeilend hinaus ins Nichts. Unmöglich allein wieder zurück zu finden. Mehr oder weniger schmale Wasserläufe durchfuhr der Jeep hin und her schwankend, links und rechts das Wasser hoch aufspritzend. Die Geschwindigkeit nahm immer mehr ab und das beständige Schaukeln des Wagens und der kurze Schlaf im Zug lullten einen wunderbar ein. Die Augen konnte ich nur noch  mit Mühe offen halten. Aber das Unterfangen, sich Wegmarken einzuprägen war sowieso sinnlos. Weite grün-braune Täler mit Flussläufen, seitlich begrenzt von vom Wind rund geformten Bergzügen. Eine Landschaft wie aus unserem Lieblingsbuch und wir die Gemeinschaft auf einer grossen Reise.

Immer wieder tauchen in der grün-braun-rot-blauen Landschaft weisse Tupfer auf. Aus der Nähe werden die Tupfer zu den Jurten der Normaden, die hier im Kahn Khentii Nationalpark mit ihren Viehherden leben. Nach einer letzten Anhöhe stoppt unser Transporter auf der Steppenwiese und vor uns leuchten um die 20 Jurten in der Mittagssone. Unser Zuhause für die nächsten Tage.

Wir haben Glück mit dem Wetter. Die Mongolei ist für uns momentan von einem blauen, wolkenlosen Himmel überspannt. Der Kontrast von Himmel und Landschaft ist so farbig und wohltuend anders als das Grau der letzten Tage. Genauso überraschend farbig geht es in unserem Ger weiter. Eine kleine bunte Tür, nach Süden ausgerichtet führt hinein. Mitten in der Jurte steht ein kleiner Ofen aus Metall und das Ofenrohr  steigt steil in der Spitze der Jurte nach aussen. Ein transparentes Halbrund in der Kuppelmitte beleuchtet allein den Innenraum. Alle Einrichtungsgegenstände sind an der runden Wand ringsum aufgereit: Der kleine Waschplatz, 4 Betten (davon ein grosses für uns beide), bunt bemalte kleine Tische und Kisten, 2 einfache Holzstühle mit Kissen, um vor der Jurte sitzen zu können. 2 ebenfalls bunt verzierte Pfosten tragen die Jurtenkuppel und stehen auf dem grob gefügten Holzboden. Zum Camp gehört noch eine grössere Jurte als Gemeinschaftsraum für die Mahlzeiten. Etwas abseits stehen die beiden Plumpsklos! Und davor und dahinter die Weite.

Und dann ist da noch die Dusch-Jurte. Das Camp verfügt über keinen Brunnen. Alles Wasser muss aus dem Fluss geholt und aufbereitet werden. Aus dem Wasserhahn des kleinen Waschschranks in unserer Jurte tröpfelt aus einem erhöht angebrachten Wassergefäss ein spärliches Rinnsal. Genug um ein wenig Wasser im Gesicht zu verreiben. Sagt man allerdings dem Jurtenteam Bescheid, steht einem 10 Minuten später die Duschjurte zur Verfügung. An der höchsten Stelle der Jurtenkuppel hängt ein Blecheimer mit warmen Wasser befüllt. Der Eimer hat unten einen verschliessbaren Ablauf mit einem Duschkopf. Schnell nass machen, einseifen und abduschen … Mehr Komfort als auf der Britannia-Hütte!

Das uns betreuende mongolische Team, inklusive Yak mit einachsiger Lastenkarre besteht mehrheitlich aus Frauen. Männer sind nur in der Entfernung zu sehen. Die jungen Frauen kümmern sich aufmerksam um Ihre Gäste. Das servierte Essen ist landestypisch, fleischlastig und ordentlich auf einer Holzfeuerstelle in der Kochjurte zubereitet. Immer können wir uns mit Tee, Kaffee und Softdrinks versorgen. Bier liegt im solarstrombetriebenen Kühlschrank und die Weinauswahl ist sehr global 😉 …

Sind die Tage angenehm warm und nur der Wind etwas zu stürmisch kühl, ändert sich das fast schlagartig mit der untergehenden Sonne. Es wird kalt, eiskalt! Und trotzdem musst Du draussen bleiben. Der zuvor wolkenlose blaue Himmel wird zur schwarzen Leinwand für ein Spektakel sondersgleichen. An den Himmel wurde die Milchstrasse planetariumsgleich gesprüht. Die Rotation der Erde, die Bewegung  im unendlichen Raum ist quasi spürbar. Alle Superlative passen und ich glaube, dies so noch nie gesehen zu haben. Die Fortsetzung der Weite der mongolischen Steppe in die Unendlichkeit der Galaxien. Da wird der nächtliche Gang zur Toilette zwar zu einer schlotternden Angelegenheit, aber dieser Himmel …

Zu Bett gehen wir in einer muckelig warmen Jurte. Der Metallofen bullert, knackt vor Hitze und der über das Ofenrohr pfeifende Wind lässt uns ruhig einschlafen.

Ein Gedanke zu “Leben in der Jurte

  1. Jetzt mäkel mal nicht an der Britanniahütte rum, man hätte sich ja ins Handwascchbecken legen können😁. Man würde ich jetzt gerne mit euch tauschen😡. Grüsse aus dem fernen Europa. Sind gerade aus Südtirol zurück und lese eure neuen Einträge, meine Eltern erholen sich noch nachdem ich sie durch die Berge gejagt habe😁 Sebastian

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