Alte Königreiche und Klöster

Unser Kleinbus mit unserem erfahrenen  Fahrer Alazar hat uns sicher in die Gheralta Lodge mitten in Tigray gebracht. Vor dem Fenster unseres kleinen Bungalows schimmert der Himmel immer noch rötlich und lässt die uns umgebenden schroffen Berge in einem mystischen Licht zwischen Tag und Nacht scherenschnittartig noch erkennen. Frisch geduscht, befreit vom Staub der langen Fahrt geniessen wir eine absolute Ruhe und ein gepflegtes Zimmer. Italiener haben hier mitten im Nichts eine wunderbare Anlage erbaut die priviligiert auf einem Hügel über einer flachen Ebene trohnt. Einen solch grandiosen Sonnenuntergang kann man nur in Afrika auf dem naheliegenden Felsen beobachten. Die staubige Luft taucht alles in ein perfektes Dämmerlicht und der Himmel glüht. Grosses Kino und wir sind zufrieden. 
Eine Reise durch Äthiopien ist anstrengend und verlangt eine gute Kondition (mental und physisch). Die Sonne wärmt den Tag ordentlich und die Nächte sind hier im Hochland sehr kühl. Die Nase ist ständig voller Staub, es kann sehr laut sein und das äthiopische Essen ist nicht für jeden Magen gemacht. Die Strasse schlängelt sich in unendlich vielen Kurven auf bis über 3000 Meter hinauf um dann mit mindestens genauso vielen Kurven an steilsten Hängen entlang wieder in die flacheren Gebiete auf ca. 2000 Meter hinunter zu führen. Der Verkehr ist zum Glück mässig stark und gefährliche Überholmanöver in engen Haarnadelkurven oder auf schmalen Pisten bleiben die, trotzdem schweisstreibende, Ausnahme. Wir sind froh darum, von einem erfahrenen Fahrer chaufiert zu werden. Die Ansichten aus dem Fenster unseres Kleinbusses entschädigen ausreichend den fehlender Selbstfhrer-Spass. Jede Kurve öffnet den Blick auf neue Landschaftskulissen. Jede Fahrt durch ein Dorf ist anders. Mit staunenden Augen erfahren wir den Norden Äthiopiens. 


Gestern gehörte der Tag der historischen Stadt Axum. Da man die touristischen Höhepunkte in einem guten Reiseführer im historisch korrekten Kontext erläutert bekommt … erspare ich mir deren Beschreibung. Uns interessiert eben auch anderes. Das Paar, dass sich in der grossen, modernen Marienkirche hat trauen lassen, zum Beispiel. Conny und Christiane sind nun auf den Hochzeizsbildern des Paares für immer verewigt. Zwei weisse Frauen flankieren lächelnd das gerührt drein blickende Hochzeitspaar. Oder das Interview durch eine junge Tourismusstudentin unter einem Schatten spendenden, weitausladenden Baum. Sie wollte von uns wissen, was wir vor unserer Reise von Axum wussten – nicht viel – und welche Erfahrungen wir heute in der Stadt gemacht haben. Wir beantworteten für uns die Frage so, dass unsere Geschichtsausbildung recht Zentraleuropa zentriert war und wir in religösen Dingen sehr „unbefleckt“ sind. Die junge Frau war sehr schüchtern und traute sich fast nicht ihre Fragen zu stellen. Grund dafür war vermutlich ihre Unsicherheit, ob sie ausreichend gut Englisch mit uns sprechen kann. Die Fremd-Sprachausbildung in den Schulen soll recht schlecht sein … aber Englisch ist für ein berufliches Fortkommen im Land eine Grundvoraussetzung. Wir erfuhren, dass die Fachbücher an den höheren Schulen oder den Universitäten fast ausschliesslich in englischer Sprache verfasst sind. Hierbei muss man bedenken, dass in Äthiopien nicht unsere lateinischen Buchstaben sondern die gänzlich anders anmutenden amharischen Zeichen als Schriftsprache genutzt werden – vergleichbar, als ob all unsere Fachbücher in Kyrillisch oder mit griechischen Buchstaben verfasst wären. 


Unter dem Baum nahmen wir gemeinsam mit der Studentin unseren starken Kaffee und versuchten leider etwas erfolglos, mehr über Ihr Alltagsleben zu erfahren. Selbst Alazar gelang es nur bedingt das Mädchen in ein Gespräch zu verwickeln. Eventuell ist die gerade sehr angespannte Situation zwischen den beiden Volksgruppen der Amhari (in dieser Sprache spricht Alazar üblicherweise mit den uns begegnenden Menschen und wird mehrheitlich verstanden) und den Tigrays (Die Volksgruppe, die in Axum lebt) mit daran schuld, dass kein tiefgehenderes Gespräch zustande kommen wollte. Der abschliessende „Bummel“ über den örtlichen Markt gehört inzwischen zu unseren Standards in uns unbekannten Städten. Es werden bunte Matratzen, billigste Plastikschuhe, Altkleider aus Europa (so viele deutsche Fussball-Shirts), wenig abwechslungsreiches Gemüse und Gewürze verkauft. Im Labyrinth des Marktes verfolgen uns immer mehr laut „Fremde?“ (Ferengi) rufende  Kinder. 

Ganz speziell war auch unser Abstecher ins Nachtleben von Axum. Im Lokal, von dem uns Alazar versicherte, dass dies der Ort ist, wo die Frauen tanzen … brüllte uns äthiopischer Pop aus den Boxen entgegen und zwei junge Männer führten zu jedem zweiten Song perfekt einstudierte, synchrone Choreografien vor. Aber noch cooler war es den „Fleischer“ zu beobachten. Bisher sahen wir in den meisten äthiopischen Restaurants eine weisse Box, in welcher ein Angestellter frisch vom ganzen Tier, meist Ziege oder Schaf, die gewünschte Menge an Fleisch abschneidet, welches dann in der Küche für dich zubereitet wird. Jetzt allerdings bot der Fleischer gleichzeitig zum Beat der Musik eine tänzerische Darbietung beim Zerlegen des Tieres. Das grosse, scharfe Fleischermesser wird im Takt der Musik durch das Fleisch geführt und alle anderen Bewegungen werden schwungvoll und tänzelnd ausgeführt. PS … Wir haben rohes Fleisch gegessen. Macht man so in Afrika :-). Mit ganz viel Ouzo und Zitronensaft.

Daß wir heute um 5 Uhr in den Tag starten mussten, war unerfreulich aber notwendig, um rechtzeitig unseren Zielort zu erreichen. Mit zwei Zwischenstopps unterwegs war unser Reisetag sehr abwechslungsreich. Zuerst besuchten wir den etwas abseits der Hauptstrasse liegenden Ort Yeha … eine Gemeinde, die in unseren Augen sehr von deutscher Entwicklungshilfe profitiert. Die Gemeinde wirkt überhaupt nicht reich, aber mit einem funktionierenden Gemeinwesen. Die Schotterpiste zum und im Dorf ist gut erhalten und kleine Brücken queren sicher die Wasserläufe. Im Dorf gibt es ein SOS-Kinderdorf und ein grosses Schulgebäude. In Yeha befinden sich eine gut erhaltende Tempelanlage und ein verschütteter Palast aus einer Zeit von vor über 3000 Jahren. Die exakt behauenen grossen Granitblöcke sind damals ohne Mörtel aufeinander gefügt worden … Und dies im Lot und exaktem 90 Grad Winkel. Der Palast, oder vielmehr was davon noch übrig ist, wird von deutschen Archäologen zur Zeit erforscht. Interessant für uns ist die nebenher stattfindende äthiopisch, orthodoxe Messe unter freiem Himmel rings um die Kirche herum. Prozessionen der Priester und Mönche, die weisse Kleidung der Besucher der Messe, das fremdstimmige Rezitieren aus der Bibel und der Singsang mit Trommelbegleitung sind so anders zu unseren Gottesdiensten … die tiefe Religiosität ist spürbar.   

Der zweite Zwischenstopp führte uns an den Felsen, auf dessem Plateau sich das Debre Damo Kloster befindet. Das Kloster ist nur für Mönche und männliche Besucher erschwerlich erreichbar. Eine schroffe, ca. 14 Meter hohe Felswand trennt uns vom Kloster. Sebastian wagt sich, gesichert mit einem altersschwachen „Seil“ aus Tierlederfetzen die Wand empor und verschwindet in der kleinen Pforte direkt am Felsen für eine Stunde im Kloster. Wir warten in einer sehr trockenen, staubigen und bitterarmen Landschaft auf seine Rückkehr und Berichte …

Da Christiane und ich im Kloster nicht erwünscht waren, wollten wir die Möglichkeit nutzen, das Frauenkloster am Fuße des Felsen anzuschauen. Adamo, ein etwa 17 Jähriger und wie er sagte Diakon, begleitete uns zur Marienkirche (die leider geschlossen war) und zeigte uns 5-6 runde Steinhäuser, in denen die Nonnen leben. Ich fragte Adamo, wie die Nonnen hier lebten und er klopfte daraufhin an eine alte Eisentür. Die kleine, sehr alte und ausgemergelte Frau mit trüben Augen wollte uns erst nicht herein lassen, bat uns dann aber auf eindringlichen Wunsch von Adamo doch in ihre Hütte. Der Einzige Raum der 80 Jährigen war sehr einfach, aber aufgeräumt. Alles hatte seinen Platz: die Feuerstelle, das kleine Wasserfass und die Schlafstelle. Wieder war es Adamo, der die alte Frau dazu aufforderte, uns etwas zu Essen anzubieten. Langsam öffnete sie den Brotkorb und nahm das letzte Stück Injera heraus. Es passte auf einen kleinen Teller und wir taten uns schwer, ihr etwas wegzuessen. Wir zupften ein kleines Stück vom Brot, kauten langsam und schluckten schwer. Adamo war offensichtlich nicht zufrieden und verlangte, daß sie etwas aufs Injera drauflegte. Da sie nichts weiter hatte, holte sie etwas Salz. Zum Schluß verlangte er für sich noch einen Becher Wasser. Wir hatten großes Mitleid mit der armen Frau und ich ließ ihr ein wenig Geld da.

Die Menschen in dieser Region hungern hier sehr, deshalb ist sie auch regelmäßig Schwerpunkt internationaler Entwicklungsarbeit.

Als wir uns auf die Weiterfahrt machen wollten, gab es große Diskussionen wegen der Bezahlung. Vor allem Adamo war sein Trinkgeld zu wenig. Er hatte gesehen, daß ich der armen Nonne 100 Birr (ca. 4 $) gab und ihm nur die Hälfte für seine „Dienste“. Mich hat sein respektloses Verhalten der Frau gegenüber sehr erschüttert – ich hätte es ihm sagen sollen 😔

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