Überleben im Danakil

Der Abschied von Dalol fiel uns nicht schwer – wir freuten uns auf unsere Treckingtour auf den Vulkan Erta Ale und die Übernachtung in einer Steinhütte am Rande des Kraters. Die Fahrt bis ins Basiscamp ging wieder mitten durch die Sandwüste und später dann auf erstarrtem Lavagestein bergauf. Ab und an hielt ich den Atem an und presste mich in den Sitz – in der naiven Hoffnung, das Heck des Wagens etwas leichter zu machen. Aber auch diese Fahrt überstanden wir ohne Rippenbrüche: nur ein paar blaue Flecken gab es von den einschneidenden Gurten. Es war eine rasante über 100km lange Fahrt durch das Nichts. Ein kleiner Sandsturm zwischendurch liess nichts mehr erkennen – nur noch staubiger Dunst ringsherum. Grasende Dromedare oder wild umher laufende Ziegen zeigten einfache Siedlungen an. Die Siedlungen bestanden aus einfachsten Rundhütten mit einer Schar Kinder davor, deren Geste: mit dem ausgestreckten Zeigefinger über die Kehle fahren bestimmt etwas ganz Gastliches meinte. 


Im Basiscamp bekamen wir ein frühes Abendessen und zwei Afar-Guides sowie einen Polizisten. Das Erkennungszeichen des Polizisten war eine altersschwache Kalaschnikow und eine verschmutzte Uniformjacke. Die beiden Afar trugen ihren Wickelrock und ein zerissenes Shirt. Das augenscheinlichste Erkennungszeichen der beiden waren aber ihre spitz angefeilten Frontzähne. Dass die Afar uns begleiten mussten ist eines der Zugeständnisse der Regierung an dieses stolze Volk – ihr Land, ihr Vulkan und somit ihre Regeln. Im Endeffekt geht es um Geld, da wir neben dem Permit selbstverständlich noch diese beiden „Begleiter“ bezahlten. Dummerweise hatten wir allerdings bei der Zuteilung der Afar die Restposten erwischt. Sofort wurde uns mit Gesten klar gemacht, dass Wasser zur Verfühgung zu stellen ist. Ihr eigenes, mitgebrachtes Wasser wurde geschont. Beide waren von Beginn an fordernd und in der Gestik agressiv, sprachen nur Afar-Sprache und weckten nicht unser Vertrauen. 


Mit uns im Camp waren noch ca. 30 weitere abenteuerlustige Europäer und Südafrikaner, die die Nacht auf dem Vulkan verbringen wollten. Gegen 19 Uhr gab unser Fahrerguide Mabree das Signal zum Aufbruch. Inzwischen war es stockdunkel und nur der Lichtkegel unserer Stirnlampe erhellte die unmittelbare Umgebung. Erst jetzt wurde uns klar, dass wir allein mit dem Afar Polizisten und den beiden Afar den 10km langen Aufstieg, die Nacht oben am Kraterrand und den Weg zurück verbringen sollten. Nicht ganz das, was wir uns vorgestellt hatten. Eine längere Diskussion war allerdings nicht möglich, da einer der Afar Conny schon in Richtung des Trails schubste. Mabree ging dazwischen, erklärte dem Afar, dass er kein Recht habe uns anzufassen und schickte uns los. Mit gemischten Gefühlen starteten wir ins schwarz vor uns liegende Gelände. Die Afar „spurteten“ mit einem hohen Tempo und ohne Licht voran, ohne gross auf uns zu achten … Sie hatten Kat und jede Menge zu besprechen. Wir folgten mit dem Polizisten ihren Geräuschen. Gut wäre es gewesen, wenn die beiden Kerle wenigsten den Weg gekannt hätten. Sebastian stellte sich als der bessere Scout heraus und fand anhand der frischen Kamelkacke den besten Weg zum Gipfel. 

Erst liefen wir durch allmählich ansteigendes Gelände. Unser Ziel war in der Ferne als rötliches Schimmern gut auszumachen. Ein Blick zurück liess mich stutzen. Immer wieder reflektierte sich das Licht meiner Stirnlampe in 4 katzengleichen Augen . Ein wenig unheimlich. Nach einigen Minuten und dem langsam die Umgebung etwas erhellendem Mondlicht konnten wir die Augenpaare zwei Schakalen zuorden. Den beiden bereitete es wohl Freude unsere Treckinggruppe zu umschleichen. Die letzten beiden Kilometer ging es dann etwas steiler bergan, aber es war ein nicht schwieriger Weg. Oben waren die sich bewegenden Lichter der anderen Besucher zu erkennen und wir meisterten den Gipfel ohne die Hilfe unserer beiden Afar. Die waren bereits im Camp am Kraterrand und mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt. 

Nach vier anstrengenden Stunden standen wir im Camp und am Rand des Kraters. Der Weg hinauf ist an sich einfach. Die Anstrengung macht das Laufen in der fast kompletten Finsternis bei hohen Temperaturen und der emotionale Stress durch die eigene Unsicherheit gegenüber den Afar Begleitern. Das Kopfkino mit den hier an diesem Berg entführten und später getöteten deutschen Reisenden läuft. Was haben sie falsch gemacht? Eine falsche Geste oder Reaktion oder waren sie zufällige Opfer? Zumindest bei Conny und mir schmälern diese Gedanken etwas den einmaligen Moment. Wir standen auf einem der aktivsten Vulkane der Welt. Vom Kraterrand bis zum hell rot glühenden Lavasee sind es keine 50 Meter. Man riecht den Vulkan und bestaunt die schwabernde, aufspritzende Lavaglut vor sich.  Der Lavasee hat sich vor uns pyramiedenförmig aufgebläht, so dass wir den Lavasee unmittelbar vor uns haben und nicht hinab sehen, wie wir es von Bildern erwartet hatten. Vermutlich wird es bald wieder eine Eruption geben. Da wir leider auf uns allein gestellt waren, fehlte uns jemand, der unsere Fragen hätte beantworten können. Also genossen wir das Spektakel von überlaufender Lava und Glutfontäne vor einem Vollmond beschienenen Himmel.


Gegen Mitternacht krabbelten wir 4 in eine einfachste Rundhütte aus erstarrtem Magmagestein und „schliefen“ auf den von den Lasttieren nach oben gebrachten dünnen Matratzen. Gegen 4 Uhr weckte uns irgendwer und wir blickten ein letztes Mal auf unseren ersten Vulkan. Mit unseren Begleitern, die erstaunlicherweise wieder auftauchten, im Schlepptau wanderten wir den Berg mit der aufgehenden Sonne wieder hinab. 


Im Basiscamp bekamen wir etwas Wasser zum sich feucht vom gröbsten Staub abzuwischen und ein einfaches Frühstück mit viel gebratenem Ei. Die anschliessende Wüstenfahrt mit den beiden, jetzt sehr anhänglichen Afars bis zur Asphaltpiste war dann ein Klacks. 

Nach 6 Stunden Fahrt wieder den afrikanischen Grabenbruch hinauf auf 2300 Meter erreichten Mekelle und somit wieder die Zivilisation. Mekelle ist eine neu gewachsene Stadt und die Regionalhauptstadt der Äthiopien zur Zeit dominierenden Vollksgruppe der Tigray. Dementsprechend boomt die Stadt. Unser Hotel war auch nach europäischen Masstab gut und bot eine Badewanne mit heissem Wasser um sich vom Schmutz der letzten Tage zu befreien. Die anschliessende frühabendliche Tour durch die Stadt zeigte uns einen grossen Markt, eine Bäckerei mit köstlichen Keksen und viele muntere und freundliche junge Menschen – eine aufstrebende afrikanische Metropole. 

Ich empfand die Tage in der Danakil als eine einzigartige Erfahrung. Nicht missen möchte ich die Zeit draussen in der einsamen Wüste. Die Anstrengungen am Erta Ale waren allerdings für mich zuviel. Einen Tag nach unserer Rückkehr lag ich recht am Ende meiner Kräfte zitternd unter dicken Decken in unserem Tukul in Lalibella … aber das wird die nächste Geschichte!

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