Harar … Eine Perle zum Schluss

Endlich waren wir aus dem dicken Smog von Addis Abeba heraus. Die Farbe des Himmels veränderte sich von bräunlich dunstig zu blau. Unser neuer (sehr ruhiger) Fahrer beschleunigte auf der neuen dreispurigen, gebührenpflichtigen Autobahn auf 120km/h … und nichts ächtzt oder quitscht an unserem Minibus. Die Autobahn, gebaut von einem chineschischen Konzern verläuft parallel zur neuen Eisenbahntrasse nach Djibouti, ebenfalls gebaut von einem chinesischen Konzern. Mitten im Nichts stehen grosse Bahnhofsgebäude in einem afrikanisch historisierenden Stil und warten auf glorreiche Zeiten. Links und rechts der Autobahn und Bahntrasse wächst in Gewächshäusern Gemüse für einen indischen Konzern. So geht Globalisierung heute. Nicht Amerika, Grossbritanien oder Deutschland (mein Großvater -Conny- half seiner Zeit beim Eisenbahnbau in Bagdad) sind die grossen Investoren … wir stellen zu viele unbequeme Fragen zu Menschenrechten oder Umweltschutz. Da passt einigen afrikanischen Entscheidern das chinesische Entwicklungskonzept besser. Ich halte es für eine andere Form der Kolonialisierung.  

Nach 70km ist es dann aber auch wieder vorbei mit angenehmer Fahrt. Zwar reduziert unser Fahrer kaum den Speed, aber die Strasse ist wieder wie gewohnt: schmal, überbevölkert und von den schweren Zugmaschinen immer wieder aufgerissen. Da wir die Route zum Hafen in Djibouti nutzen, sind mit uns gemeinsam jede Menge schwer beladene LKW in beide Richtungen unterwegs. Wir kniffen mehr als einmal die Augen zu und hofften auf ausreichend Abstand und Bremsweg. Wir durcheilten das heisse Rift Valley mit einem kurzen Stopp am Awasch Wasserfall, mit vielen Krokodilen😁 und kletterten wieder ins Bergland. In den Bergdörfern waren inzwischen die Moscheen dominierender als die Kirchen. Auf den staubigen Dorfplätzen warteten die bunt verschleierten Frauen auf die Verteilung der angelieferten USAID Säcke mit Lebensmitteln. Ein Wahnsinn, Gemüse exportieren und gleichzeitig auf internationale Hilfe bei Lebensmitteln angewiesen sein. Bedenklich fand ich, dass es gerade das Ende der Regenzeit war und eigentlich die neue Ernte eingebracht wurde. 

Leider klappte die Kommunikation mit unserem Fahrer deutlich schlechter als mit Alazar. Seine Angaben zu Entfernung und möglicher Ankunftzeit mussten mehrfach verworfen werden. Statt 6 Uhr erreichten wir in wieder dunkler Nacht um 8 Uhr Harar. Nach dem wir durch das Stadttor hindurch gefahren waren erwartete uns unser lokaler Guide Hailo am Strassenrand winkend. Endlich konnten wir nach 12 Stunden harter Fahrt hinaus aus unserem Minibus, schulterten unsere Rucksäcke und folgten Hailo in die dunklen Gassen der Stadt. Hinunter, rechtsherum, an einem Grab vorbei, beim Barbier nach rechts oben abbiegen und schon standen wir etwas verwirrt von den vielen Gässchen, vor der Stahltür zu unserem Guesthouse. Die Hararihäuser sind wie die Häuser in der iranischen Wüste aussen unscheinbar und von einer hohen Mauer umgeben. Betrat man dann den Innenhof ,befanden wir uns an einem schönen Plätzchen mit Kübelpflanzen und einem schattenspendenden Baum. Der Zugang zu den Häusern führte durch eine hohe, reich verzierte Holztür. 


In unserem Guesthouse war der grosse Wohnraum mit bunten Teppichen belegt. Die Bodenfliesen waren blutrot und die Wände waren mit bunt bemalten Schüsseln, Bastkörben und sonstigen Utensilien behangen. Unser Guesthose liess uns für 2 Nächte zu Bewohnern der Stadt werden. Wir teilten uns die 4 Schlafplätze (nicht Zimmer😉) und das eine Bad mit Sebastian und Christiane, einem älteren neuseeländischen Reisenden und zwei amerikanischen Missionaren. Wir lagen auf den weichen Teppichen und erzählten uns unsere bisherigen Reiseerlebnisse auf unseren Touren durch Äthiopien – ein Informationsbasar. Hailo holte uns noch für einen abendlichen „Streetfood“ Spaziergang zum zentralen Markt ab und memorierte mit uns dabei den Weg zurück – fanden wir dann auch ganz einfach. Probieren durften wir einen in Öl ausgebackenen (Pizza?)Teig, der mit 3 Eiern, etwas Gemüse und vielen Gewürzen gefüllt wurde. Schmeckte sogar mir, der ich Eier nicht so mag. Dazu gab es einen guten Juice aus frischen , pürierten Früchten. Der Juice ist so dickflüssig, dass der Kellner bedenkenlos die Gläser drehen konnte, ohne dass etwas vom Inhalt heraus lief. Wir waren uns schnell einig, dass wir mit Hailo genau unseren Guide für die Stadt gefunden hatten. Kurz erklärte er uns die Gepflogenheiten des Bezahlens, vereinbarten die Startzeit für den nächsten Morgen und dann saßen wir allein auf einer Terrasse über dem mit Tuktuks (hier heissen sie Bayays) und alten Peugot 404 Taxis bevölkerten Hauptplatz von der Altstadt Harars. Cool!

Womit beginnt man(n) den Tag? Mit einer ordentlichen Rasur! Hailo führte uns durch die Gassen zu einem alteingesessenen Barbier-Geschäft. Der Vater des heutigen Besitzers kam vor vielen Jahren aus Indien nach Harar und blieb. Sogar der ehemalige äthiopische Kaiser Haile Sellasie (zuvor hieß er Ras Tafarie 😊) liess sich auf einem der alten Stühle frisieren. So eine Gelegenheit liess ich mir nicht entgehen. Im schönsten indisch eingefärbten Englisch wurde ich auf den Stuhl komplimentiert und ordentlich eingeseift. 10 Minuten später war mein Reise-Bart perfekt zurecht gestutzt und der brennende Schmerz des alkoholreichen Rasierwassers verflogen. 


Durch Harar kannst Du Dich einfach treiben lassen. Hinter jeder Gassenbiegung warteten neue Eindrücke auf uns. Der grosse Recycling Markt, auf dem es alles gab: rostige Schrauben, alte T-Shirts aus Europa, Elektronik-Schrott! Der bunte Gewürzmarkt kitzelte sofort in der Nase mit seinen vielen Curry Varianten und unzähligen, die Gesundheit angeblich befördernden Kräutern. Der alte Teil der Stadt ist noch immer komplett mit einer Stadtmauer und 5 in die Stadt führenden Tore umgeben. Die meisten Gebäude mit flachen Dächern sind weiss getüncht. Auffällig setzten sich die höheren, mit schönen Holzveranden umgebenen Häuser der ehemaligen indischen Kaufleute ab. Mit reichen Schnitzereien sind die Holzbauteile verziert und die bunt gefärbten Scheiben geben den Innenräumen mit dem sonst so grellen Sonnenlicht eine tolle Stimmung. Wir besuchten das ehemalige Wohngebäude des bereits erwähnten Ras Tarfarie und das des französischen Dichters Arthur Rimbaud. Harar war und ist ein riesiges Gemenge von Menschen verschiedener Völker, Volksgruppen und Religionen. Mehrheitlich ist die Stadt muslimisch geprägt, aber nur vereinzelt sahen wir komplett verschleierte Frauen. Eher sind die Frauen farbenfroh mit vielen Tüchern gekleidet und die Männer tragen längere weisse Hemden und auf dem Kopf eine weisse Kappe. Natürlich färbt dies bunte Gemenge auf die Küche ab. Neben der traditionellen Küche bestehen Gerichte aus Arabien, Indien und Italien. Am besten ist aber der vorzügliche Harar Kaffee, der in unserem Rucksack mit uns zurückreisen wird.


Damit unsere Reise spannend blieb, stand am letzten Abend in Harar und Äthiopien noch die Fütterung der Hyänen auf dem Programm. Mit Hailo fuhren wir gegen 7 Uhr an den dunklen Stadtrand und trafen dort auf den Hyänenmann. Animalische Laute schreiend verschwand der sehr speziell aussehende Mann in der Dunkelheit. Nun hieß es warten. Ab und zu hörten wir die entfernten Schreie des Hyänenmann, aber keines der Tiere wollte sich zeigen. 

Hailo war ein guter Guide, kannte „jeden“ in Harar, vor allem die Frauen und war mächtig viel beschäftigt. Neben uns betreute er noch einen aufstrebenden Londoner Rapstar, der mit seiner kleinen Filmcrew (eine Kamerafrau und ein Assistent) nach Äthiopien und Harar gereist war, um für sein Video eine Sequenz mit den Hyänen zu bekommen. Der 19 jährige Rapper war ein ganz lieber Kerl, schnorrte bei Christiane eine Zigarette und übte schon mal seine „moves“. Da sich die Hyänen nach einer Stunde immer noch nicht zeigten, organisierte unser Hailo im Hintergrund einen Plan B. Inzwischen warteten einige Einheimische und eine kleine niederländische Gruppe auf die Tiere. Relativ unauffällig stahl sich Hailo mit der Filmcrew davon und hiess uns auf seinen Anruf zu warten und dann genauso heimlich zu verschwinden.

Allerdings tauchte 10 Minuten später tatsächlich die erste scheue Hyäne auf und schnappte sich ein Stück Kamelfleisch. Das Erlebnis wurde allerdings von den immer wieder den schmalen Weg befahrenden Tuktuks und der recht agressiven Art des Hyänenmannes und seines Gehilfen geschmälert. Die Stimmung auf dem kleinen staubigen Platz wurde ungemütlicher, weil die Tiere nicht so wollten wie die Menschen und erste Schubsereien fingen an. Der Anruf von Hailo kam uns somit sehr gelegen und  wie es uns schien legten wir einen ausreichend verdeckten Abgang hin. Dummerweise bemerkte der Hyänenmann unser Verschwinden und stellte sich unmittelbar vor unseren Minibus … also noch eine längere aufgebrachte Diskussion mit unserem Fahrer und Hailo am Telefon, bis der entsprechende Tarif ausgehandelt war und wir fahren konnten.

Es lohnte sich sehr. Der zweite Platz war perfekt. Auf einer kleinen Lichtung in den umgebenden Sträuchern lag ein Rudel von 7 oder 8 Hyänen. Unser Popstar fütterte gerade das mutigste Tier und hatte seine Videosequenzen abgedreht. Zeit für uns die Hyänen zu füttern! Wir profitierten von den zwei guten Scheinwerfern der Kamerafrau, die den Platz vor uns in ein angenehm, nicht zu helles Licht tauchten. Mit einem Stöckchen im Mund, an deren Spitze ein Stück Kamelfleisch steckte fütterten Christiane, Sebastian und Conny Auge in Auge die schönen Tiere. Ich opferte mich und übernahm die Aufgabe dies zu dokumentieren 😉 …


An unserem letzten Tag verabschiedete uns Harar mit Regen und einer Schülerparade. Dicke Wolken hingen in den Bergen und es regnete mehr oder weniger heftig. Die Gassen wurden vom Schmutz und Staub gewaschen. Harar wird die nächsten Tage der Austragungsort eines nationalen Festes sein. Einen kleinen Vorgeschmack darauf boten uns die Schüler der Schulen von Harar die laut singend in bunten, traditionellen Kleidern über den zentralen Platz von Harar zogen.  Extra um uns zu verabschieden 😉 … ein kleines Flugzeug brachte uns bequem zurück nach Addis Abeba und gleich starten wir nach Frankfurt. Eine wunderbare, aber auch anstrengende Reise geht zu Ende.

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