717 km von Moskau weg

Gerade sind wir an einem namenlosen Haltepunkt vorbei gerollt, laut Schild auf dem kaum 10 Meter langem Bahnsteig genau 717 Kilometer von Moskau entfernt. Wir rollen im letzten Wagon des Expresszuges Moskau – Andijan durch das russische Kernland langsam dem Ural und somit Asien entgegen.

Wir können und müssen nichts machen. Nur reisen! Die wenigen kurzen Halte des Expresszuges 150 geben dem Tag ein wenig Struktur. Dösend in unserem warmen Abteil liegend, wird die Distanz zwischen Moskau und Taschkent unmerklich geringer. Kein Triebwerk jagt ein Flugzeug mit uns über den Wolken weiter in den Osten, sondern eine mächtige Lokomotive zieht den langen Zug durch eine trockene Landschaft. Vor dem Fenster läuft wieder der gleiche russische Film ab, den wir bereits von unserer Reise mit der Transsibirischen Bahn kennen. Ein sandiger Boden, kaum Kulturland, Wälder mit Nadelbäumen und immer wieder Birken und ab und zu ein Dorf mit schmucken, farbig frisch gestrichenen Holzhäusern und windschiefen Katen säumen die Bahntrasse. Bewusst haben wir wieder diese Art des Reisens gewählt. Die Zugfahrt lässt uns die Dimension unserer Reisegegend spüren … In Deutschland (und erst Recht in der Schweiz) hätten wir inzwischen schon eine Landesgrenze erreicht und das Land „vermessen“ … jetzt trennt uns noch fast eine Tagesreise, bis wir mit dem Ural die geographische Grenze zwischen Europa und Asien überrollen werden.

Den gestrigen Tag in Moskau nutzten wir 5 intensiv. Früh sind wir zum Kasaner Bahnhof aufgebrochen und haben unsere vorläufigen Voucher an einem Ticketschalter von einer freundlich, resoluten Angestellten, die natürlich kein Englisch spricht in unsere endgültigen Tickets eingetauscht bekommen. Mehr Aufwand oder problematischer ist ein Einchecken am Flughafen auch nicht. Da Christiane, Sebastian, Thomas und unser Sandmännchen Moskau das erste Mal besuchten, wählten wir den Hügel an der Lomonosow Universität um uns einen Überblick von der Stadt zu verschaffen. Ein besuchenswerter Ort … Das Universitätsgebäude ist das markanteste der sogenannten sieben Schwestern, den Paradebeispielen stalinistischer Baukunst. Vom Hügel spaziert es sich angenehm zum Ufer der Moskwa und weiter an dieser entlang bis zur nächsten Metro Station.

Natürlich haben wir unseren Mitreisenden auch einige der besonders schönen unterirdischen Kathedralen Moskaus zeigen können. Wenn du für einen recht kleinen Preis, ca. 70 Eurocent, ein Billet für die Metro gelöst, könntest du theoretisch den gesamten Tag im Untergrund der Stadt verbringen. Spätestens alle 2 Minuten rauscht mit wildem Getöse und einem kleineren Sturm eine neue Metro in die Station und ermöglicht eine unterirdische Hope on – Hope off Tour mit genügend Zeit, um sich in der Station umzuschauen und ein Bild zu komponieren 🙂 …

Aber es wäre ein Fehler nur Untertage zu bleiben. Wir hätten sonst den sintflutartigen Regenguss an der Kremlmauer verpasst und nicht die spassigen Minuten mit hunderten anderen geflüchteten Spaziergängern teilen dürfen … allerdings hatten wir unter der Zufahrtbrücke zum Kreml nur noch die Randposition ergattern können und wurden somit einseitig ordentlich nass. Die schnell wieder hervorschauende Maisonne trocknete uns auf dem Roten Platz und unser erstes Moskauer Eis, gekauft im GUM „tröstete“ und schmeckte wunderbar.

Die kleinen Geschichten sind meist die, die lange in Erinnerung bleiben. Wir haben eine kleine persönliche Geschichte gestern in Moskau für uns finden können. Thomas, Connys Bruder wählte für seine Reise eine etwas ältere Reisetasche, etwas unsicher darüber, wo diese wohl in den nächsten Tagen alles so herumliegen würde. Leider war die Tasche doch schon sehr betagt und platzte wortwörtlich bereits am Flughafen in Frankfurt aus fast allen altersschwachen Nähten. Genau das ist der Grund, warum uns auf jeder Reise eine Rolle SIGA Rissan begleitet … irgend etwas musste irgendwo in der Welt immer abgedichtet werden, z.B. unser von der Strasse geschubster Reiseminibus in Äthiopien (siehe hier). Aber Thomas‘ Reisetasche konnte auch das weltbeste Klebeband nicht mehr retten und wir durften in Moskau mit ihm eine neue, chice und praktische Reisetasche kaufen.

Zeit und Zug gleiten dahin … besser der Zug schlingert recht heftig immer weiter ostwärts … heute Nachmittag werden wir in Samara den ersten etwas längeren, vierzigminütigen Stopp haben und diesen für einen Versorgungseinkauf im „магасйи“ nutzen und dann weiter Richtung Ural rollen, schaukeln und dösen im Wagon 5 des Expresszuges 150 nach Adijan …

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