Rollende Planung

Nach erschöpfenden Stunden der Ein- und Ausreisekontrollen im in der prallen Mittagssonne schwitzenden Zug haben wir gestern Abend Tashkent erreicht. Die Grenze zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken ist gesichert wie die ehemals trennende innerdeutsche Grenze. Das Ufer des schmalen Grenzflusses zwischen Kasachstan und Usbekistan ist von beiden Seiten mit scharfem Stacheldraht und elektronischen Meldeeinrichtungen verbaut und ein breiter Sandstreifen erinnerte mich stark an die Minenfelder oder den Spurenstreifen der ehemaligen DDR Grenze. Unser Zugbegleiter Anvar erklärte uns, dass es während der Zeit der Sowjetunion zwischen den beiden Teilrepubliken natürlich keine solche Grenze oder Kontrollen gegeben hat. Jedem Verfechter der Einführung von innereuropäischen Grenzkontrollen kann ich aus eigenen Erfahrungen nur einen Grenzwechsel zwischen Kasachstan und Usbekistan empfehlen. Die Beamten sind augenscheinlich korrekt und zu uns exotischen, einzigen westlichen Touristen im Zug meist ausgenommen freundlich … der Ton ändert sich aber schnell an der nächsten Abteiltür. Ich bin sehr froh um die Sicherheit und Freiheit, in der wir in Europa leben dürfen …

Fast schlagartig mit dem Überfahren des Grenzflüsschens ändert sich das Bild vor dem Zugfenster. In der Ferne türmen sich weisse Wolken an den Ausläufern des Tien Shan Gebirges auf, dessen erste Gipfel verschwommen erkennbar noch eine weisse Kappe aus Schnee tragen. Die karge, trockene Steppe weicht bewirtschaftetem Kulturland mit Gemüse- und Obstgärten. Fünf Minuten nach Grenzübertritt kündigt der futuristische Fernsehturm (was für ein inzwischen altmodisches Wort), der den Start einer Rakete architektonisch symbolisiert, die Einfahrt in den Bahnhof von Tashkent an. Wir haben die legendäre Seidenstrasse erreicht.

Auch das hat der uns folgende Leser bestimmt bereits mitbekommen … unsere Skepsis gegenüber Taxifahrern ausserhalb Berlins, eigentlich auch da 🙂. Somit haben wir alle Angebote der am Ausgang wartenden Fänger für die bereitstehenden Taxis bestimmt und freundlich ausgeschlagen. Unser erstes Ziel war ja auch nicht unser Guesthouse, sondern der Ticketverkauf der usbekischen Bahn. Die innerusbekischen Tickets lassen sich theoretisch auf der sogar englisch sprachigen Internetseite der Bahn buchen … theoretisch, denn der entsprechende Button führte jedesmal ins Nirwana einer Fehlermeldungsseite ☹️.

Der korpulente, goldzähnige Beamte hinter dem Informationsschalter kommunizierte in knappesten Gesten. Ein Zug nach Samarkand am Montag: No … ein Zug am Dienstag: Lux … also nur in der teuren Luxusklasse , was auch immer das in einem usbekischen Zug sein würde. Nein, da muss es eine Alternative geben.

Ohne Tickets, aber weiterhin motiviert sind wir mit unseren Taschen Richtung Guesthouse aufgebrochen. Es gibt immer einen Plan B. Wir zogen unsere Koffer an breiten, von Plattenbauten gesäumten Strassen vorbei und in ein beschauliches, grünes Viertel. Unser Guesthouse ist nett, mit einem schattig, kühlen Innenhof und einem 6 Betten Zimmer für uns 5. Die Informationsvermittlung in der Gemeinschaftsdusche ist genial einfach mit international verständlichen Zeichnungen.

Die wirklich schwierige Aufgabe des Abends war die Beschaffung der einheimischen Währung „Som“ … die junge Frau an der Rezeption konnte nicht tauschen und verwies auf das grössere Luxushotel in der Nähe, der junge Mann an dessen Rezeption wiederum verwies an das noch grössere, aber etwas weiter entfernte erste Haus am Platz, das Hotel Usbekistan. Also haben Sebastian und ich die Initiative ergriffen, die Abneigung gegen Taxis ignoriert und das erste in der Hotelauffahrt genutzt.

Der Fahrer brachte uns rasend zum Hotel Usbekistan, verstand, dass er auf uns warten soll. Der Hotelangestellte des Hotel Usbekistan verstand unser Begehren … allerdings hatte genau jetzt die Wechselstube für die nächsten beiden Stunden „supper“ (Abendessen) und wir könnten warten. Kein nutzbares Geld, getrennt von der Gruppe … genau der richtige Zeitpunkt für einen Plan B. Nach einer halben Stunde sprach uns ein Hotelangestellter an und fragte uns wieviel Dollar wir denn tauschen wollen 🙂 … und wir machten das, was wir zuvor für uns ausgeschlossen hatten: schwarz Geld wechseln. Wir wurden nicht betrogen, Conny wartete mit Christiane und Thomas an der verabredeten Stelle, der erste Kebab Spiess vom Grill schmeckte wunderbar und das usbekische Bier hatten wir uns wahrlich verdient …

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