Anvars Tashkent

Wir sind glückliche Reisende, willkommene Gäste in einem fernen Land, die gelebte Gastfreundschaft erfahren durften. Noch immer verwundert es uns, wenn wir an die letzten 24 Stunden zurück denken. Ich halte etwas den Spannungsbogen 🙂 und komme später zu den Gründen.

Eine warme Morgensonne weckte uns im Guesthouse früh und nach einem kleinen Frühstück, dass sich als sehr vorteilhaft erwies, starteten wir unseren ersten Tag in der Hauptstadt von Usbekistan. Von unserer Unterkunft liefen wir unter Schatten spendenden Bäumen, an breiten Boulevards in Richtung Metrostation. Links und rechts ragen 7- und mehrgeschossige Häuser im Charme der 70ziger Sowjetarchitektur auf und erinnern an unsere Kindheit im den ostdeutschen Bezirksstädten oder dem Ostteil Berlins. Die Wohnhäuser stehen auf einem breiteren Sockel, in welchen sich Läden, Cafés oder Restaurants befinden. Die Zahnarzt Tagesklinik heisst wie früher in Hoyerswerda: Stomatologie und die breiten Gehweg-Platten liegen windschief als Stolperfallen auf dem Boden.

Die Tashkenter U-Bahn kann mit der Metro von Moskau mithalten … nicht ganz so tief unter der Erde, aber auch die Stationen hier sind wahre Paläste mit orientalischem Architektur-Flair. Die Jettons zum Öffnen der Einlassschranke verkauft eine resolute Uniformierte in ihrem vergitterten Kassenhäuschen mit dem Charme einer sozialistischen Planwirtschaftswelt für wenig Geld. Wie in Moskau rast der Zug mit ohrenbetäubenden Schnaufen und Fauchen in die Station und nimmt uns mit in Richtung Basar … Leider ist das Fotografieren in der U-Bahn nicht gestattet und mir ist ein längeres Gespräch mit den überall sehr präsenten Polizisten mit ihren grossen Gummischlagstöcken nicht sonderlich wichtig.

An der Station Chorsu spülten uns die anderen Fahrgäste mit ans helle Sonnenlicht und in die Mitte des geschäftigen, grossen Tashkenter Basars. Bitte nicht das Bild einer orientalischen Stadt mit glitzernden Wunderlampen und weichen Teppichen vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Tashkent ist anders. Die Stadt musste 1966 eine grosse Tragödie durchstehen. Ein Erdbeben erschütterte die Stadt, tötete viele Menschen und zerstörte das alte Tashkent aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die Stadt wurde als sozialistische Musterstadt wiederaufgebaut und hat daher zum einen eine Vielzahl moderner Gebäude, aber eben nicht den historischen Stadtkern, der uns in Samarkand und Buchara erwarten wird.

Der Basar ist eine riesige Kuppel, die geschäftiges Handeln darunter bei jedem Wetter ermöglicht. Wenn auch die alte Bausubstanz (nicht wirklich) fehlt, bietet alles andere die Vielfalt eines Basars … der Geruch der erntefrischen Erdbeeren, die in riesige Schüsseln aufgehäuft zum kaufen einladen, die geschlachteten Lammhälften, die an blanken Eisenhacken baumeln und der Lärm eines geschäftigen Marktes. Wir probierten verschiedene Gewürze, Kurth (eine Art getrockneter Schafskäse, sehr krümelig und salzig) in allen möglichen Formen und Sesamkrokand. In der Obsthalle überborden die Stände nur so: Erdbeeren, die ihren Duft verströmen, Kirschen, die in tausend Rottönen leuchten und Maulbeeren, aus denen der süße Saft heraustropft. Und die Menschen: geschäftig, aber doch eine gewisse Ruhe ausstrahlend. Natürlich probierten wir das heisse, frisch gebackene Brot, Non und beobachteten die Bäcker bei der Arbeit am Ofen.

Wo bekommt man den besten Kebab … eben am Basar. Eine eigene Strasse mit qualmenden Holzkohlegrills und verschiedensten Spiessen über dem Feuer konnten wir nicht ignorieren. Mit viel Gestik und dem vollen Einsatz unserer Finger landeten 5 frisch zubereitete Spiesse, Non und grüner Tee auf unserem Tisch. Unser usbekischer Tischnachbar, sicher bereits deutlich über 80, freute sich über unsere deutsche Sprache, steuerte ein paar deutsche Wörter bei und wir durften von seinen Erdbeeren kosten.

Zufrieden und satt flanierten wir weiter durch die kleine Altstadt, deren Gebäude allerdings gerade einem neuen Hotelkomplex weichen muss unserer ersten Moschee dieser Reise entgegen. Ein grosser Platz bietet den Raum für ein Ensemble aus einer neuen, historisierend gestalteten grosse Moschee und historischer Bausubstanz, die als Souvenir Shop genutzt wird 🙂 …

Die rasante Metro brachte uns schnell wieder in die Neustadt zurück. Grosszügige Boulevards und grüne Parkanlagen sind umstellt von wuchtigen, meist mit weissem Marmor verkleideten Repräsentationsgebäuden. Diese Gebäude beherbergen Regierungsbehörden, Banken und Industriekonzerne. Nicht wirklich schöne Architektur … eher klare Machtdemonstration. Im Hotel Usbekistan gelang es uns dann tatsächlich Thomas zum Millionär zu machen … mit 4 dicken Bündeln Som Geldnoten.

Mit russisch-kyrillisch geschriebenen WhatsApp Nachrichten (google sei Dank) hatten wir uns mit unserem Schlafwagenbegleiter Anvar für 18 Uhr am Guesthouse vereinbart. Wir waren uns bereits im Zug sehr sympathisch und fanden irgendwie eine gemeinsame Sprache aus dem wenigen Russisch was wir noch sprechen und unserem kleinen usbekischen Wörterbuch. Wir tauschten unsere Mobilnummern und vereinbarten uns am nächsten Abend zu treffen. Anvar fragte nach unserer Ankunft in Tashkent sofort per WhatsApp nach, wie erfolgreich unsere Bemühungen um Fahrkarten war und bot sich an, gemeinsam an diesem Abend mit uns die Tickets zu organisieren.

Pünktlich um 6 standen Jakob und Anvar (nach ihrer 4 Tage und Nächte dauernden Zugbegleitung) frisch „gestriegelt“ vor der Tür unseres Guesthouses. Jakob lud 3 von uns in ein organisiertes Taxi und wir stiegen mit Anvar in sein Auto, das kleinstes Modell eines Daewoo (made in usbekistan). Die Tickets hatten nicht die höchste Priorität, zuerst musste ein ordentliches Essen organisiert werden. Wir landeten in einem grösseren, einfachen Lokal in der Nähe der Bahngleise und recht schnell war der Platz auf dem Tisch mit Fleischspiessen, frittiertem Fisch, Non (Brot) und verschiedenen Kräutern, Tomaten und frischen Zwiebeln belegt. Wir bemühten uns sowohl alles aufzuessen als auch die Rechnung zu bezahlen … beides erfolglos. Immer wieder betonte Anvar, dass wir seine Gäste und die seines Landes seien. Und von seinen Gästen nehme man kein Geld.

Anmerkung Conny: Mich hat Anvars Selbstlosigkeit und gelebte Gastfreundschaft sehr beeindruckt. Nach den anstrengenden Arbeitstagen sich Zeit für uns zu nehmen und uns sein Taschkent zu zeigen.

Jakob musste nach dem Essen zurück zu seinen beiden Frauen und den sieben Kindern, aber für Anvar und uns sollte der Abend noch weiter gehen. Anvar hatte für uns Kerle, Thomas, Sebastian und mich gehäkelte Kappen organisiert, die die typische Kopfbedeckung für Samarkand sind. Diese durften wir sofort aufsetzen und mit unserem hohen Grad an Gelenkigkeit den kleinen Deawoo mit sechs Leuten füllen. Anvar und Thomas vorn, Sebastian, Christiane und ich hinten und Conny quer über uns verteilt 😇 … fuhren wir durch das nächtliche Samarkand zum Platz mit den hell erleuchteten Moscheen, dem bunt leuchtenden Fernsehturm (die startende Rakete) und zuletzt vor das von unzähligen LED zu einer riesigen Leinwand verwandelte Hotel Usbekistan mit dem Reiterstandbild des usbekischen Herrschers Timur davor.

Kurz vor 23 Uhr landeten wir wieder im Guesthouse und ich brachte die Diskussion nochmals vorsichtig auf die Fahrkarten zu sprechen, in der Hoffnung, dass uns Anvar am nächsten Morgen beim Kauf der Tickets behilflich sein könnte. Seine Antwort war … also in russisch-usbekisch 🙂 … warum bis morgen warten, wir fahren gleich noch zum Bahnhof.

Um die leidliche babylonische Sprachverwirrung zu lösen wurde noch Anvars siebzehnjähriger Sohn Artyom von zu Hause abgeholt und mit ins Auto verladen … ab jetzt ging es auf Englisch etwas schneller voran. Artyoms erste Frage war dann auch, wie wir uns mit seinem Vater verständigt haben konnten … so ist das Leben eben manchmal.

Machen wir es kurz … wir haben eine Stunde schwer am Schalter mit einer jungen Beamtin der Staatsbahn, die eigentlich bereits Feierabend machen wollte verhandelt. Nicht alle Tickets waren mehr verfügbar … aber 3 Fahrten konnten wir buchen. Nun fehlte uns nur noch das Ticket für die Fahrt am nächsten Morgen nach Samarkand. Kein Problem, denn Anvar versprach uns, um 10 Uhr am Guesthouse auf uns zu warten und uns bei der Organisation eines Taxis behilflich zu sein … aber das wird ein neuer Blog …

Wir haben Anvar sehr zu danken … ohne seine Hilfe wäre es extrem schwierig geworden unsere Weiterreise so wie geplant zu gestalten. Wir sind glückliche Reisende …

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