Über das Taxifahren – Samarkand

Ich sitze im klimatisierten Zugabteil, draussen klettert das Thermometer den 39°C entgegen und der Zug ruckelt von Samarkand Buchara entgegen. Modernes Reisen auf der Seidenstrasse des 21. Jahrhunderts. Der neue Bahnhof von Samarkand war ein moderner, orientalischer Palast, der auch als Hauptstadtflughafen durchgehen würde 😀 … vor allem war er aber eine Art rettender Hafen nach einer rasenden Taxifahrt durch ein zugestautes Samarkand mit vielen, anlässlich des Feiertages (09. Mai … Sieg über den Faschismus oder irgendetwas mit Mutter und Kind, da wichen die Nennungen etwas voneinander ab) gesperrten Strassen.

Hinter uns liegen ein emotionaler Abschied von Tashkent und 1 1/2 sehr schöne Tage in Samarkand. Wie versprochen stand Anvar am Morgen in Tashkent vor unserem Guesthouse und hatte bereits ein zweites Taxi für unsere grosse Reisegruppe organisiert. Zusammen ging es an den Rand der Stadt, an die Ausfall Strasse nach Samarkand und weiter nach Termez an der afghanischen Grenze. Kaum waren wir den Autos entstiegen, bildete sich um uns eine Traube laut auf uns einredender Taxifahrer und deren Vermittler … jeder wollte die lukrative Fahrt haben. Anvar managte die Preisverhandlungen souverän in unserem Interesse und besorgte das grösste Auto am Platz, ein etwas betagter Mercedes Benz für Conny, Thomas und mich und einen etwas kleineren Deawoo für die beiden Scheibes. Der Preis wurde auf 80 000 Som (ca. 8 Euro) pro Person für die 280 Kilometer lange Fahrt festgelegt. Wir drückten Anvar kräftig. Der vergatterte die beiden Taxifahrer nochmals ordentlich und bat sich eine WhatsApp sofort nach Ankunft in Samarkand aus.

Auf einer zweispurigen Autobahn ging es aus Tashkent hinaus. Der Fahrer fuhr sicher und zügig aber nie schneller als 120 km/h. Trotzdem gab es Momente für etwas schwitzige Hände … plötzlich ausscherende Autos, sehr altersschwache, abenteuerlich beladene Lastwagen vor, hinter und auf beiden Seiten neben uns, die volle Ausnutzung der Fahrbahnbreite auch mal für 4 Autos nebeneinander, statt der zulässigen 2, Zebrastreifen (die aber nicht zum Anhalten der Autos führen, eher so etwas wie die Ideallinie zum schnellen überqueren der Strasse darstellt) und voll beladene Esel Karren … unterwegs meldete sich Anvar bei unserem Fahrer und liess sich von mir versichern das alles „хорошо“ – gut – ist. War es und wir erreichten am frühen Abend unser Hotel in Samarkand.

Wir entschieden uns für die kleine Runde um den Block, stillten unseren Durst der staubigen Strasse in einer Eisdiele mit dem Design der DDR Eisdielen in unseren Neubaublock Siedlungen und landeten im uns vom Concierge empfohlenen, sehr touristischen Lokal … wäre nicht unsere erste Wahl gewesen, hat uns aber satt gemacht 😉 und zufrieden auf der Dachterrasse unseres Hotels auf die nächtliche Skyline von Samarkand blicken lassen. Hell erleuchtet dominierte das Mausoleum von Timur, aber auch der Registan, unser morgiges Ziel liess sich ebenfalls gut ausmachen.

Neben der Reservation des Abendrestaurants baten wir den Rezeptionisten, uns einen Tourguide für den nächsten Tag zu vermitteln. Das erlebte Restaurant (eben nicht so unser Geschmack) liess uns etwas skeptisch am nächsten Morgen auf den Stadtführer warten, aber wir wurden sehr positiv überrascht. Malik erwartete uns pünktlich um 10 Uhr und begrüsste uns in einem noch etwas formellen Deutsch. Schnell fanden wir heraus, das Malik 20 Jahre alt ist, eine deutsche Schule besuchte, gerade mit einem Video Projekt eine Fahrt nach Berlin gewonnen hat und RAMMSTEIN hört … Passt!

Natürlich haben wir die Hauptsehenswürdigkeiten Samarkands gesehen, standen in der prallen Mittagssonne auf dem grossartigen Registan … einem riesigen Platz mit einer Moschee an der Frontseite und dann an der Symmetrieachse gespiegelt links und rechts je einer Medrese mit wuchtigen Torbauten und flankierenden Minaretten. Die Kuppeln glitzern im Blau des Himmels und bunt, bekleidete usbekische Frauen beleben den steinig, grauen Boden des Platzes mit Farbtupfern. Der Bau des Ensemble geht auf das 14. Jahrhundert und den Herrscher Timur zurück, stellt eine timurianische Interpretation indischer Architekturelemente dar und ist sehr überwältigend. Mehr Informationen dazu findest Du in einem guten Reiseführer oder du buchst Malik für Deine Tour durch Samarkand …

Wir nutzten die Zeit des Stadtspaziergangs und der Rast in einem einfachen Lokal auf dem Basar, um Malik über sein Leben in Samarkand auszufragen. Er antwortete meist mit etwas Bedacht und wir streiften die grossen politischen Themen nur kurz (Malik wusste erstaunlich viel über die aktuelle politische Landschaft in Deutschland und schaut gern die „Heute-Show“). Durch die Gespräche konnten wir einen kleinen Einblick in das Alltagsleben eines jungen Menschen in Samarkand erfahren und seinen nicht ganz so rosigen Blick in die Zukunft. Wir wünschen Malik, dass ein BWL Studium an einer deutschen Uni für ihn möglich wird.

Die goldene Abendstunde verbrachten wir dann wieder zu fünft mit unseren Kameras auf dem Registan mit seinen gut ausgeleuchteten Gebäuden, experimentierten mit Belichtungszeit, Lichtspots und einem Stativ. Gemeinsam mit hunderten anderen Stadtbewohnern und Touristen verbrachten wir 2 Stunden mit Beobachten und etwas Herumblödeln, bis die Nacht den Himmel vollkommen schwarz über der Stadt färbte. Ein warmer Frühlingsabend in Samarkand duftet nach reifen Maulbeeren …

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