Brot von Chiva

Über den Dächern von Chiva sitze ich vor einer grossartigen, märchenhaften Kulisse. Gleich wird der kleine Muck auf einem der nebenliegenden Dächer mit Turban und bunten gebogenen Schuhen auftauchen, ein fliegender Teppich vorbei gleiten und die Staubfahne am Horizont kann nur von Alibaba und den 40 Räubern stammen. Die Minarette strecken sich dem Himmel entgegen und die blauen und weissen Kacheln der Kuppeln und hohen Eingangsportale der Medresen wetteifern mit dem von Wolken weiss gesprenkeltem blauen Himmel. Das Beste … durch die Luft zieht der Duft von frisch gebackenem Brot.

Da wir leider keinen fliegenden Teppich mehr bekommen konnten, sind wir jetzt bereits 1000 Kilometer mit verschiedenen Taxi und dem Zug durch Usbekistan gereist und haben mit Chiva unsere 4. Station erreicht. In Taschkent waren die nahen, hohen Berge im Klima der Stadt spürbar, angenehm warm am Tag, aber doch noch recht frisch in der Nacht. Nun hier mitten in der Wüste ist es heiss. Obwohl es heute Mittag dunkle Wolken am Himmel über Chiva hatte und es ordentlich donnerte, erreichte kaum ein Tropfen des fallenden Regens den Boden. Jetzt, kurze Zeit später hat wieder die heiss glühende Sonne fast die Alleinherrschaft am Himmel. Aber nicht nur das Klima lässt uns die Entfernung zur ersten Station erfahren, neben den Baustilen hat sich mit jeder Station auch das Essen verändert. Zum Plov komme ich gleich … Was unbedingt zu diesem wohlschmeckenden Reisgericht gehört ist Non (Brot).

In jeder Stadt bekommst Du hier ein anderes Brot. Es gibt eine Vielzahl von Backstuben in den Gassen von Buchara, aber die Brote sehen nahezu gleich aus … in Buchara. Ganz anders dagegen sieht der Brotleib in Taschkent oder jetzt in Chiva aus. Die Brote wurden mit unserer Reise in den Westen des Landes immer flacher und breiter. Das Brot von Taschkent ist zwei Handflächen gross und rund nach oben gewölbt. In der Mitte des Brotleibes befindet sich eine Münzgrosse runde Vertiefung. Die Brote bleiben auch in Samarkand und Buchara rund, aber werden breiter und sind weniger hoch gewölbt. Die Vertiefung in der Mitte des Brotes ist breiter geworden und sorgt für einen knusprigen Genuss.

Bei unserer heutigen Runde entlang der alten, lehmigen Stadtmauer von Khiva durften wir zwei Frauen beim Brot backen vor ihrem kleinen, einstöckigen Haus zusehen. Die flachen, pizzagrossen Brotlaibe hatten ausreichend Zeit zum Aufgehen und stehen auf einem wackligen Holztisch in einer runden Schüssel zum weiteren Verarbeiten bereit. Bevor das Brot von der ersten Frau in den Ofen befördert, muss der vorbereitete Rohling nochmals mit dem Holz überwallt werden und dann, ganz wichtig, mit einem runden Stechwerkzeug aus vielen Nadeln in konzentrischen Kreisen „verziert“ werden. Die gestochenen Kreise geben dem Brot das typische Aussehen und verhindern, dass der Teig im heissen Steinofen zu sehr aufgeht. Die zweite Frau platziert geschickt den Brotlaib umgedreht auf einem konischen Kissen, besprüht die Oberfläche mit Wasser und klebt den Teig mit einem geübten Schwung an die Wand des Ofens. Der Ofen, zirka einen Meter hoch, hat eine runde Grundfläche, die sich nach oben hin zum Ofenloch verjüngt. Unten am Grund des Ofens wird gefeuert, früher nur mit Holz, jetzt sorgte ein Brennring mit Gas für ordentlich Temperatur im Ofen. Der Teig klebt seitlich an den Wänden, bläht sich leicht und kurz bevor er zu dunkel und kross wird wandert das duftende Brot wieder aus dem Ofen und dieser eine Laib warm in Connys Hände 🙂.

Und was bietet Chiva neben einem guten Brot … zum Beispiel 3 Nächte in einem einfachen, aber sehr guten Guesthouse innerhalb der alten Stadtmauern (http://www.meroskhiva.com) mit einer wunderbaren Terrasse (die, auf der ich gerade diese Zeilen schreiben darf 😀) mit einem beglückenden Blick von der Festung der Emire (Ark) zum nicht vollendeten bunt bekachelten Minarett und weiter in Richtung des östlichen Tores dem Horizont, der nur 20 Kilometer entfernten turkmenischen Grenze und viel Wüste entgegen. Die Gastgeberfamilie ist ausgesprochen freundlich und das Frühstück ein orientalischer Traum.

Am Tag ist die Altstadt voller Menschen, die anderen Menschen mit Fähnchen oder aufragenden Regenschirmen in den Händen nachlaufen.

Der empfehlenswerte Dumont Usbekistan Reiseführer inspirierte uns zu einem Spaziergang aus der Altstadt hinaus. Wir sind todesmutig in ein altersschwaches, rostiges Riesenrad gestiegen (der vernünftige Teil der Reisegruppe, also ich, Jörg, natürlich nicht), an der verfallenden äusseren Stadtmauer zu einem grossen Friedhof gelaufen und haben einen wunderbaren Plov in der Keramik Fabrik essen dürfen. Ein feiner Zufallsfund … von der staubigen Strasse und der heftig glühenden Sonne etwas demoralisiert landeten wir in der wohl ehemaligen Betriebskantine der Chivarer Keramik Fabrik. Die fertigt die für diese Region typischen Teekannen und Tassen mit einem weiss-dunkelblauen Motiv. Das Weiss symbolisiert die Baumwolle auf den umliegenden Feldern und das dunkle Blau steht für den Himmel darüber. Natürlich sprach in diesem einfachen Lokal niemand englisch und unsere russisch Kenntnisse verwirrten erst einmal eher, als das diese hilfreich waren. Trotzdem bekamen wir heraus, dass wir gern auch so eine riessige Schüssel mit Plov bekommen können, wie sie auf einem der Tische vor 3 Männern verführerisch aussehend stand. Allerdings nur mit einer Wartezeit von 60 Minuten und einer ungefähren Angabe, wieviel Kilogramm wir 5 den gerne hätten … zur Orientierung diente uns die Menge, die die 3 usbekischen Herren mit Genuss vertilgten: 800 Gramm Reis … also sollte für uns fünf ausgewachsene Mitteleuropäer 500 Gramm ausreichend sein. Plus dem bereits beschriebenen Brot und verschiedene Salate wurde es dann doch recht anstrengend, alles zu vertilgen und vor allem danach den Spaziergang fortzusetzen.

Die historischen Gebäude stehen auch noch nach 18 Uhr an Ort und Stelle und mit etwas mehr Raum um sich herum und weniger Anderen genossen wir das Stadtbild nach einer ausführlichen Siesta.

Morgen geht es wieder mit dem Nachtzug in Richtung Süden, Taschkent und weiter dem Fergana Tal und somit Kirgistan entgegen. Ab jetzt wird unser Reisen etwas spartanischer werden und unser Blog vermutlich erst verspätet aktualisiert … wir geniessen die Zeit im Morgenland und es duftet immer noch so gut nach frischem Brot, hier oben über den Dächern von Chiva …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s