Auenland am Sary Tschelek

Über eine lange Schotterpiste schaukelte unser kleiner Toyota Minibus. Arslanbob liegt hinter uns und bis zur ausgebauten Fernstrasse in den Norden musste Anatoli unser Gefährt kurvend das Bergtal hinunter steuern. Inzwischen hatten wir uns recht behaglich im Bus eingerichtet … Alik und Anatoli besetzten die ersten Reihe, Thomas links von mir an der Tür und Conny rechts am Fenster. Ich durfte den Blick gerade aus geniessen und für wenige, rechtzeitige und absolut notwendige Fotostopps sorgen. Sebastian und Christiane hatten sich kuschlig mit unseren Rucksäcken in der dritten Sitzreihe verkeilt. Ausreichend bequem war es für uns alle. Immer wieder erstaunte uns die Leistung des (schon bereits etwas älteren) Toyotas, und vor allem auch die unseres Fahrers Anatoli, welche beide steile Wanderwege fahrend hoch und runter meisterten. Viele der während unserer Reise genutzten Fahrwege wären in den Schweizer Bergen mit einem blauen Wanderschild gekennzeichnet worden: schwierig zu wandern, absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit vorausgesetzt 🙂 …

Die ersten Kilometer der Fernstrasse führten unmittelbar an der usbekisch – kirgisischen Grenze entlang. Die ehemals „brüderlich“ verbundenen Sowjetrepubliken trennt heute ein doppelter Stacheldraht und dahinter ein vermintes Gelände. An einer Stelle ragt usbekisches Staatsgebiet wie ein Wurmfortsatz nach Kirgistan hinein. Die Strasse führt 20 Kilometer ins Landesinnere, einem zu Usbekistan gehörenden Flusslauf mit links und rechts knapp 50 Meter Uferböschung, überquert dann den Fluss und geht die 20 Kilometer flussabwärts wieder zurück. Früher ein Weg von 100 Metern … heute ein Umweg von einer halben Stunde. Machtspiele der politischen Geographie.

Langsam wich das grüne Kulturland des Fergana Beckens einer kargen Berglandschaft und die Strasse wurde ihrem so schön exotisch klingendem Namen gerecht: Tian Schan Highway. Der Fluss Naryn hat in Millionen Jahren einen tiefen Canyon in das Bergmassiv geschnitten. Wir folgten dem Fluss bergaufwärts in einem schmalen Tal auf einer eng an den Felsen „geklebten“ kurvigen Strasse, durch dunkle Tunnel und ab und zu mit ordentlichen Tiefblicken zum schnell strömenden Fluss.

Der nächste grössere Ort unserer Fahrt, Tasch Kumyr, war zu sowjetischen Zeiten eine bedeutende Bergbaustadt. Hier wurde Steinkohle gefördert … die heute, vermutlich weil zu teuer, keinen Abnehmer mehr findet. Illegal holen die verbleibenden Einwohner der Stadt noch immer Kohle aus abenteuerlichen Stollen, dessen Mundlöcher links und rechts der Strasse zu sehen waren. Wir bogen vom Highway ab und schaukelten wieder über eine Schotterpiste dem Nationalpark Sary Tschelek entgegen.

Unsere CBT Unterkunft fanden wir in Arkit. Der Ort liegt bereits im Gebiet des Nationalparks am Fuss eines hohen Massivs. Dort oben, am Ende einer steilen Bergpiste mit vielen engen Kurven liegt auf 2000 Meter Höhe das Auenland und unser Ziel für das Trekking des nächsten Tages.

Im Gegensatz zu unserer Unterkunft in Arslanbob war es in diesem Guesthouse kalt. Damit meinen wir das Haus und den Empfang … es fehlte die Herzlichkeit von Lenara. Die Zimmer waren sehr einfach, komplett schmucklos eingerichtet und rochen „leicht“ müffelnd nach einem Kohleofen, der aber trotz kühlen Nachttemperaturen nicht in Betrieb war. Die Hausherrin war eine ältere Frau mit mürrischen Blick, die die genauso mürrisch blickenden Töchter / Schwiegertöchter auf Trapp hielt. Das Haus lag eigentlich sehr idyllisch an einem munter sprudelnden Flüsslein … aber die Kühle des Ortes machte es uns schwer, sich richtig wohl zu fühlen.

Der Ort Arkit schlängelt sich mit einfachsten Bauernhöfen dem Flüsschen und der daneben verlaufenden Piste entlang bis zum grossen Eisentor, der den Zugang zum eigentlichen Nationalpark gestattet. Ab diesem Tor verläuft die Route immer steiler ansteigend durch wunderschöne Wälder. Immer wieder gestattet die Serpentine tiefe, Schwindel erregende Blicke aus den Fenstern des Minibus ins Tal. Mit uns zusammen fuhr ein älterer (52 Jahre, aber viel älter aussehender) Guide dem See entgegen.

Dramatisch öffnete sich ein tiefer Einschnitt und gab den Blick auf den blauen Sary Tschelek See, umringt von namenlosen, vereisten Viertausendern, frei. Himmel und See strahlten beide im gleichen tiefen Blau und wurden vom Grün der umgebenden Wälder wunderbar gerahmt. Wir wanderten vom See durch blühende wilde Apfelbaum – Wälder, stiegen über von bunten Blumen überbordende Wiesen und wateten durch eiskalte Bergbäche. Höhepunkt unserer Wanderung war ein Picknick an einem der vielen kleinen Bergseen. Wir konnten gar nicht so schnell „Blaubeermarmelade“ sagen, wie Thomas, nur noch mit Unterhose bekleidet ins kalte Wasser sprang. Konnten wir Männer so nicht stehen lassen und so schwammen wir alle vier schnelle Schwimmzüge in dem, ich erwähnte es bereits, kalten Bergsee. Eine tolle Bergkulisse im Hintergrund, Menschenseelen allein an diesem Ort … ein unvergessliches Bild:

Den Abend durften wir dann im Guesthouse mit einer netten Unterhaltung mit einem ebenfalls deutsch/schweizer Reisepaar verbringen und uns über vergangene Reisen und unsere Ziele in Kirgistan austauschen. Auch wenn der Ort etwas herb ist … lohnt der Stopp dort um ein abgelegenes Paradies, oder eben ein sehr reales, zauberhaftes Auenland a la Tolkiens „Herr der Ringe“ zu erwandern.

2 Gedanken zu “Auenland am Sary Tschelek

  1. Hallo,

    mit der Unterkunft in Arkyt habt Ihr wohl einfach nur Pech gehabt. Wir waren ca. 10 Tage später in Arkyt (3-Tage-Trekking von Kara-Suu-Dorf aus) und wurde herzlichst bei einer kirgisischen Familie empfangen. Wir wurden wunderbar bekocht und verköstigt und als der Hausherr merkte, dass wir wegen Kühle das „Schlafzimmerfenster“ schlossen, stand er gleich mit 2 unglaublich großen und wohlig-warmen Decken in Arm vor uns – Wir waren begeistert.

    Herzlichst Birgit (inzwischen wieder in D)

    1. Liebe Birgit, so schön, dass ihr von so herzlichen Begegnungen berichtet! Ein Grund mehr (nicht nur für uns), dieses wundervolle Land wieder einmal zu besuchen. Vielen Dank für deinen Kommentar. Herzliche Grüße nach D, Conny

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