Kasbek

Was für ein Anblick! Wie von einem Magnet angesogen, können wir den Blick nicht von dem mächtigen Massiv abwenden. Grüne, noch ein wenig mit Wald gefleckte Hänge streben nach oben. Das Grün wird abgelöst vom grauschattierten Felsen. Dann ein breites Band von lockeren, weissen Wolken und darüber bricht die weisse Kuppe des Kasbek durch die Wolken, dem blauen Himmel entgegen. 5300 Meter hoch ragt der kegelförmige Berg empor. Verschwindet immer wieder hinter den Wolken und erscheint damit um so majestätischer, wenn der weisse Schleier sich hebt.

Von der Terrasse unseres Hotels lässt sich die Aufstiegsroute zum Gipfel bequem mit einer Tasse Frühstückskaffee in der Hand begutachten. Ein sanft ansteigender Bergrücken führt zum Gletscher und der davor gelagerten ehemaligen Wetterstation auf 3600 Meter Höhe. Eigentlich ein idealer Platz zum akklimatisieren. Allerdings soll die Hütte unbewirtschaftet und sehr spartanisch sein. Und dann einen 40 Grad steilen Hang 1800 Meter durch Schneefelder nach oben stapfen … klingt nach einer machbaren alpinistischen Aufgabe 😉

Wie eine schmückende Brosche, dekorativ auf einem tieferen Vorgipfel des Massivs thront die Gergetiger Dreifaltigkeitskirche über dem Tal. Von hier unten betrachtet eine kleine Kapelle mit vorgelagerten Glockenturm … aus der Nähe dann doch eine grössere, innen rußdunkle Kirche. Zu dieser Kirche streben hier alle. Entweder schweisstreibend den steilen Berg emporsteigend wie wir, oder bequem die Serpentinen Straße nutzend mit dem Taxi aus dem Dorf.

Der Wanderweg ist eindeutig die bessere Wahl. Wir nähren uns langsam der Kirche durch schatten spendenden Wald und entfliehen so dem Trubel. Das Problem von wunderbaren Orten, die leicht zugänglich sind … Alle sind dort und nutzen die Kulisse als dekorativen Hintergrund für gestellte Selfies. Aber der Berg bietet genügend Platz um mit etwas Abstand von der Kirche und dem touristischen Trubel auf einer Bergwiese zu sitzen und die Pracht aus Natur und Menschenwerk in sich aufzusaugen. Und fast kitschig hören wir das Kreischen eines Adlers aus Richtung des Gipfels … Der Mythos um den Berg stimmt also!

Den Kasbek sehen zu dürfen war einer der Gründe, warum Georgien auf unserer langen Reiseliste recht weit vorne auftauchte. Der mystische Gipfel, an den die Götter Prometheus zur Strafe schmiedeten, da er uns Sterblichen das Feuer auf die Erde brachte. Der Strafe nicht genug, stösst jeden Tag ein Adler (siehe oben😉) zu dem Titanen herab und frisst seine Leber, die dann Abend für Abend nachwächst. Danke Frau Weiland (unsere Deutschlehrerin), dass wir Goethes Zeilen nie wieder vergessen werden … „Bedecke Deinen Himmel, Zeus … „, mit viel Verve vorgetragen vor der ganzen Klasse!

Da eine Gipfelbesteigung keine Option ist (einziger Grund ist das Wetter, zu früh für eine klassische Hochtour 😇) werden wir um den Berg herum wandern und das idyllische Turso Tal erkunden … wir werden berichten …

Für alle, die sich nicht mehr so genau an den Wortlaut von Goethes Gedicht „Prometheus“ erinnern können, hier nochmals zum nachlesen:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft
An Eichen dich und Bergeshöhen!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehen
Und meine Hütte die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle Blütenträume reiften?
Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!
(Johann Wolfgang Goethe)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s