Im Truso Tal

Im vollen Galopp nährt sich uns ein Pferd mit Reiter von hinten, wird langsam und trappt neben uns her. Der Reiter ist ein Junge von ca. 15 Jahren und beäugt uns neugierig. Unser „Gamarjoba“ … ein „Hallo“ auf georgisch beherrschen wir bereits … wird erwidert. Die weitere Unterhaltung wird aber mit wenigen englischen Vokabeln geführt. Die wichtigste Frage, woher wir sind … offensichtlich nicht georgische Wanderer … können wir mit „switzerland“ bzw „Швейцария“ beantworten. Die Antwort des jungen Reiters erstaunt uns dann aber sehr. Nicht Alpen, Uhren oder Schokolade … Xherdan Shaqiri ist für unseren Wegbegleiter die Schweiz 🙂. Ein seiner Meinung nach sehr guter Fussballer und mit einem Ruck beschleunigt das Pferd wieder und der Junge galoppiert in das weite Tal hinein.

Wir wandern gemächlicher weiter. Nach dem etwas strengeren gestrigen Aufstieg zur Gergeti Kirche suchen wir heute die Ruhe und den Abstand zum recht von Mitreisenden bevölkerten Stefanzminda. Unser Geländewagen, ein alter aber robuster Mitsubishi Jeep schaukelt uns sicher über eine sehr raue Piste mit tiefen, Regenwasser gefüllten Löchern (eher Krater, in denen man fast hüfttief versinken könnte) bis zu einer kleinen Ansammlung von Häusern. Ein tosender Fluss, dunkel von vielen mitgespülten Sedimenten begleitet uns in ein sich immer mehr verengendes Tal. Schroff ragt eine Basaltwand zu einer Seite des Flusslaufes aus und wir steigen immer höher über den Fluss auf einem steil abfallenden Schotterweg hinauf. Verwunderlich empfinden wir die vereinzelten Fahrzeuge, denen wir Platz machen müssen … für uns wäre eine Weiterfahrt auf dieser Piste Zuviel Nervenkitzel gewesen.

Die Wanderung spricht alle Sinne an. In der Nase der ganz leichte Geruch von fauligen Eiern, verursacht von schwefelhaltigen Quellen, deren Wasser über weissliche, dann schwefelgelbe Flächen über den Hang sickert und schliesslich in orange bis rötlichen Rinnsalen in dem wilden Gebirgsfluss Tegri münden. Allmählich weitet sich das Tal und es präsentiert sich ein Panorama voller Farben. Die Wiesen sind mit gelben, blauen und roten Blütensprengeln bedeckt. Das Grün der Weiden kriecht die Berge empor, wechselt zum felsigen Grau und wird an der Grenzlinie zum Himmel schneeweiss. Die über 4000 Meter hohe Bergwand umschliesst die weite Hochebene mit schneebedeckten Gipfeln und bildet eine Grenzmauer zum benachbarten Südossetien.

Obwohl wir in idyllischer Landschaft unterwegs sind, lässt sich die aktuelle Geopolitik hier erfahren. Das verlassene Dorf Ketrisi, durch dessen aufgegebene Häuser wir gerade laufen, war bis vor einigen Jahren noch von Osseten bewohnt. Nachdem sich die Region von Georgien losgesagt hat (mit der militärischen Unterstützung durch Russland) kam es auch hier in den Bergen zu militärischen Auseinandersetzungen und die Osseten flohen über die Berge in Richtung Norden. Jetzt bewirtschaften georgische Viehhirten, fast nomadisch in blauen Plastikzelten lebend, mit ihren Schafen, Kühen, Hunden und Pferden diese abgeschiedene Hochebene. Vorn in der verfallenen Burg von Zakagori sitzt die georgische Grenzwache. Aber wir drehen zuvor um und bestaunen das natürliche, aus der Erde sprudelnden Kohlensäuregas, dass lustig mit kleinen Blässchen in einem Minisee am Berghang nach oben blubbert.

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