Jahrestag zwischen Tuschetien und Khevsuretien

Ich, Jörg, durfte meinen Geburtstag schon an abgelegenen Stellen dieser Welt erleben. Zum Beispiel in Prora ☹️ in grauer, kratziger Uniform oder auf der Britania Hütte mit Blick auf das wunderschöne Strahlhorn 🙂 … aber so jenseits von aller Zivilisation wie dieses mal waren wir noch nicht so oft. In der Nacht vom 1. auf den 2. Juli stürmt es auf unserer Wiese vor dem fast verlassenen Dorf Girevi unaufhörlich. Das Überzelt klatscht fortlaufend gegen das Innenzelt und lässt uns nicht schlafen. Es ist richtig kalt und wir haben alles angezogen, bevor wir in unsere Schlafsäcke gekrochen sind. Als gegen 5 Uhr langsam die Sonne hinter den Bergen aufsteigt ist das Ende der Nacht förmlich eine Erlösung und die Aussicht darauf, weiter den Berg hinauf zu laufen ist angenehmer, als hier liegen bleiben zu müssen. Nur s chnell frühstücken und auf geht es wieder …

Am Tag zuvor sind wir im letzten, halbwegs dauerhaft bewohnten Dorf des tuschetischen Bergtals nach einer ersten Nacht im Zelt zu unserem Trekking über den Atsunta Pass gestartet. Dartlo heisst das Dorf und es schmiegt sich als schmaler Streifen an einen grünen Berghang. Hohe Wehrtürme dominieren die Dorfansicht und machen unmissverständlich klar, dass wir uns in einer schon immer unruhigen Grenzregion bewegen. Hinter dem Bergkamm, Luftlinie knappe 2 Kilometer in östliche Richtung liegt die russische Förderation mit der autonomen Repuplik Tschetschenien. Von diesem Land haben die meisten bestimmt schon irgendwann in den letzten Jahren in den Nachrichten gehört.

Gemeinsam mit Gigi, unserem georgischen Bergführer, Avto, dem Pferdeführer und zwei Lastpferden sind wir beständig ansteigend etwas oberhalb des Tales dem Flusslauf der Pirikita gefolgt. Der Wanderweg ist schmal, nur manchmal etwas ausgesetzt und führt durch bunt, von wilden Blumen gefleckte Wiesen. Vorbei geht es an archaischen Steinschreinen. Obwohl die Tucheten offiziell christlich-georgisch-orthodoxen Glaubens sind, schadet es nicht, auch noch die alten Naturgöttern zu huldigen und Opfertiere zu den Schreinen zu bringen … Allerdings ist es Conny verboten, sich dem Schrein zu nähren. Skeptisch beobachten uns Hirtenhunde von einem höher gelegenen Plätzchen, ob wir die regionalen Gepflogenheiten auch einhalten. Immer wieder durchschneidet ein wild sprudelnder Bergbach die Talwand und wir müssen in weiten Bögen eine möglichst seichte Stelle finden, an denen wir das eiskalte Wasser durchwaten können.

Die letzten Tageskilometer folgen wir der Fahrstrasse direkt am Flussufer bis auch diese vor einem schmalen Einschnitt des Flusses in einer Felswand endet. Auf einem abenteurlich knappen Felspfad geht es leicht über dem tosenden Wasserlauf und teilweise mitten durch das Flusswasser um die Felswand herum und das Tal öffnet sich und gibt den Blick auf das letzte Dorf auf der tuschetischen Seite, Girevi, vor dem Pass frei. Die Siedlung besteht aus wenigen Wehrtürmen, einigen windschiefen Holzhäusern, zwei davon als Guesthouses genutzt, einem georgischen Grenzposten und unserer zugigen Wiese mit Naturbad (Wasser aus dem Bach).

Nach unserer umstütmten Nacht sitzen wir noch leicht zitternd mit einer heissen Tasse Tee in unserem „Verpflegungs- und Kochpavillon“ der sich unter der Last des aufbrausenden Windes kaum senkrecht halten kann. Conny hat die ganze Zeit in der Tiefe ihres Rucksacks versteckt, meinen Lieblingskuchen mit sich getragen. So futtern wir genüsslich in der tuschetischen Abgeschiedenheit einen „kalten Hund“ 😀. Anschliessend müssen wir uns für den weiteren Weg, den wir vor uns haben, in der Grenzstation (eine kleine Baracke mit georgischer Flagge, besetzt mit zwei Grenzposten mit altersschwachen Kalaschnikows, garantiert kein Foto davon) abmelden. Wir bekommen ein offizielles Dokument, welches wir in drei Tagen in Mutso auf der anderen Seite des Passes wieder an der nächsten Grenzstation abgeben müssen. Somit sind wir ab sofort im Niemandsland der georgisch-tschetschenischen Grenzregion unterwegs.

Unser Pfad wird schmaler und schwerer zu finden, steigt aber weiterhin nur moderat an. Nach 20 Kilometern erreichen wir auf einer Höhe von 2500 Meter eine wacklige Brücke, die den Fluss quert und zu einer grösseren Wiese etwas oberhalb des Flusslaufs führt. Ein idealer Platz für unser Nachtlager, weil: 1. Windstill und von der Abendsonne wunderbar gewärmt. 2. Ein Hirte einen temporären Verschlag aufgebaut hat und den patrulierenden Grenzern und uns Bier und Softdrinks verkauft und 3. wir für 5 Lari (etwas mehr als ein Euro) „duschen“ können.

„Duschen“ heisst in einen Verschlag aus dünen Ästen und einer alten Zeltplane krabbeln, zu versuchen zu verstehen, wie der heisse Ofen mit dem tröpfelnden Ende eines Gartenschlauchs verbunden ist und zwischen einem dünnen Rinnsal aus eiskaltem Flusswasser oder kochendheissem Wasser hin- und her hüpfend „waschen“. Zum krönenden Abschluss meines 50 zigsten Geburtstages gab es am Abend ein Festessen mit Kartoffelstock (aus der Tüte), gebratenen Wienerwürstchen, Kecksen und einem kräftigen Schluck aus der 1 1/2 Liter Bier PET Flasche … grossartig und unbezahlbar an diesem wunderbaren Ort.

Nach einer erholsamen Nacht, bei der uns nicht einmal die erst nach Mitternacht eintreffende russischen Alpinistengruppe stören konnte, streben wir nun mit langsamen Schritten dem knapp 3600 Meter hohen Atsunta Pass entgegen. Wie bei einer Hochtour in den Walliser Alpen klettern wir eine steile Wand in schmalen Kehren hinauf. Statt durch eine Schneewand stapfen wir hier allerdings durch loses Geröll. Vor uns steigen unsere Lastpferde mit ihrem Führer viel schneller dem Pass entgegen … gute Höhenanpassung 😉. Aber auch wir sind nicht zu langsam unterwegs und erreichen nach 4 Stunden den Grat und blicken zurück nach Tuschetien, dem steilen Grat des Tebulos (4500 Meter hoch, der Gipfel gerade so nicht mehr in Georgien, sonst wären wir hoch gestiegen 😉) hinauf und hinab in das sich öffnende khevsuretische Tal. Die Sicht ist sehr gut und wir dürfen einen Blick auf das Chaukhi Massiv (die Dolomiten Georgiens) und den fernen Kasbek werfen. Der Wind bläst mittelstark und lässt uns Zeit für eine kurze Rast, bevor wir weiter in nördliche Richtung dem Dorf Shatili entgegenwandern werden …

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