Das „Paradiesische“ Tal am Meer?

Golden spiegelt sich der Vollmond in der Bucht von Valparaiso (Val:para:iso). Wir blicken über Blech gedeckte Dächer hinweg auf die ruhige See. Kleine Frachter liegen vor Anker und warten darauf in den Hafen der Stadt einfahren zu dürfen. Links von unserem Balkon zieht sich die von vielen Lichtern glitzernde Stadt die Berghänge hinauf. In der Ferne hören wir Trommeln und lachende Menschen. Die Wärme des Tages verflüchtigt sich langsam und in der Luft ist ein Hauch von Meer.

Wir durften zweieinhalb sehr interessante und intensive Tage in Valparaiso verbringen. Am Abend unserer Ankunft zogen wir allein los. Unser Hotel ist recht klein, hat 5 wunderbare Zimmer und eine freundliche Dame, die auf Zuruf (klingeln an der Tür) zum Hotel kommt und in der kleinen Lobby mit weichen, bunten Sofas und einem alten Tisch den „Check in“ sehr persönlich händelt. Mit einer kleinen Karte erklärt sie uns den Aufbau der Stadt. Valparaiso verteilt sich auf mehrere Hügel (Cerros), für mich eher ein Bergkamm, der von tief eingeschnittenen Tälern gegliedert wird. Am Meer befindet sich der „Plan“ … ein schmales Stückchen Land, dem Pazifik zum Teil abgerungen mit einem wilden Mix aus Art Deco Gebäuden, mehr verfallen, als in tadellosem Zustand. Dazwischen ragen graue Betonklötzer oder verspiegelte Häuserfassaden in den Himmel. Eingefasst wird dies von den zuvor erwähnten Hügeln, an deren steilen Hängen sich maximal 3-stöckige Häuser empor winden. Die schmalen Strassen sind zum Teil gerade, wie mit einem Lineal gezogen und entsprechend steil ansteigend. Fitness bedarf es beim Besuch der Stadt, oder Mut für waghalsige Ingenieurskunst der Jahrhundertwende (also so Anfang 1900, die schöne alte Zeit eben ;-)) … dazu aber später mehr.

Unserer Gastgeberin ist bei ihrer Erklärung allerdings recht wichtig, uns darauf hinzuweisen, welche Gebiete der Stadt sicher sind (am Tag zumindest) und welche Hügel es eher zu meiden gilt. Das verunsichert uns ein wenig. Trotzdem ziehen wir los und klettern eine erste steile Treppe hinab und landen im trubeligen Treiben der Unterstadt. Wir drehen eine kurze Runde durch den „Plan“ und stapfen, steil ansteigend, wieder unseren Hügel hinauf. Wie bereits in Santiago ist es eher eine steil ansteigende Galerie, statt Strassenzug. Bunt bemalten Häusern säumen den Weg und wenn wir zurückblicken, ist immer ein blauer Fleck Meer sichtbar.

Den ersten Abend verbringen wir auf einer hoch über der Stadt gelegenen Terrasse, im Restaurant Fauna (Tipp Nr. 1 unserer Gastgeberin) und geniessen unser erstes Nicht-Sandwich-Dinner. Recht spontan suchen wir anschliessend im Internet nach einem Guide, der Lust und Zeit hat, uns am nächsten Tag durch die Stadt zu führen. Der „German Pirat“ Michael hat Zeit und per WhatsApp verabreden wir uns für den nächsten Vormittag.

Unseren ersten Morgen in Valparaiso beginnen wir mit einem tollen Frühstück in unserem Zimmer. Unsere Gastgeberin (ich gebe es zu, ich vergass nach ihrem Namen zu fragen) bringt uns zwei Tablets und wir stärken uns mit Blick auf die ruhige Bucht für den Tag. Zur verabredeten Zeit treffen wir Michael und klären schnell, dass wir „sächsische Landsmänner (und Frauen)“ sind. Zuerst geht es unseren Hügel (Cerro Alegre) hinauf und wir erfahren spazierend die Geschichte voller „Aufs“ und „Abs“ der Hafenstadt. Zu erstem Reichtum kam die Stadt als erster sicherer Hafen nach der stürmischen Umrundung von Kap Horn. Dann profitierte die Stadt um 1900 sehr vom Handel mit Salpeter … dringend benötigt als Dünger und noch wichtiger: Grundlage von Schiesspulver. Viele Ausländer, vor allem Deutsche und Engländer lebten in der aufstrebenden Stadt. Es entstanden repräsentative Bank- und Börsengebäude. Der „Salpeter Adel“ liess sich Villen in den Hängen der Stadt errichten. Und damit der Auf- und Abstieg nicht zu mühselig wurde, entstanden viele Schrägaufzüge. Kleine Plattformen werden an Stahlseilen über Schienen steil den Hang hinaufgezogen. Angetrieben von der ins Tal strebenden Plattform auf dem Gleis nebenan. Das wäre das „Auf“ … dem folgte recht bald das „Ab“ …

Der erste Einschnitt war die Eröffnung des Panama Kanals. Kein Frachter machte nun mehr freiwillig den unsicheren, beschwerlichen Umweg um Feuerland herum, wenn ab nun Pazifik und Atlantik so einfach miteinander verbunden waren. Der zweite Grund für den Niedergang der Stadt war der Ausbruch des ersten Weltkrieges und der riesige, kriegsentscheidende Bedarf an Salpeter. Dem deutschen Wissenschaftler Fritz Haber gelang es, Salpeter synthetisch herzustellen und die Nachfrage nach chilenischem Salpeter brach ein. Die Stadt verlor an Bedeutung und verarmte.

Und genau das macht den Charme der Stadt aus … mehr als etwas wellig an den Rändern. An jedem Haus spürt man diese wechselhafte Geschichte, jede bröckelnde Fassade erzählt davon. Diesem Verfall entgegen stemmt sich die Stadt mit Farbe. Jedes Haus in unserem Viertel ist bunt gestrichen und mit riesigen Wandbildern (Morales) geschmückt. Vor einem dieser bunten Häuser bleiben wir stehen und schauen durchs Fenster in eine Kinderbibliothek. Unser Guide Michael ist in Valparaiso bestens vernetzt und kennt scheinbar jede und jeden und deren Geschichte. Er klopft und schnell stehen wir in der Bibliothek. Eine Dame aus Dänemark (vermutlich über 80, wir lernen sie nicht persönlich kennen) hat dieses Projekt ins Leben gerufen. Da Bücher in Chile sehr teuer sind, sammelte sie alte Kinderbücher in allen möglichen Sprachen und überklebte die Texte mit der spanischen Übersetzung. Für die Kinder ist dies ein Ort zum ruhigen Lesen und Anlaufpunkt im Viertel … ein tolles Projekt.

Einige der vor wenigen Jahren noch verfallenden Gebäude wurden inzwischen touristisch aufgewertet und beherbergen wunderschöne Boutique Hotels. Michael stapft mit uns in 2 der Häuser hinein, hält ein Schwätzchen an der Rezeption und gibt uns die Gelegenheit die Räume aus „Schöner Wohnen“ zu bewundern. Verfall und Luxus werden uns durch die Stadt begleiten. Eine steile, stinkende Treppe steigen wir hinab und auf der anderen Seite wieder hinauf. Links verfallen die Häuser … rechts finden sich alternativ-chice Airbnb Wohnungen mit bepflanzten Waschbecken an der Häuserwand. Während wir die Treppe nach oben steigen, finden wir 3 Spazierenden ein gemeinsames Interesse heraus: Musik! Michael koppelt sein Smartphone mit einer kleinen Box und mit chilenischer Musik steigen wir weiter hinauf. Eines der Lieder kommt uns bekannt vor … „Gracias a la Vida“, z.B. von Joan Baez interpretiert … wir kennen noch besser die DDR Variante: „Liebes Leben, danke“ gesungen von unserem Jugendidol Gerhard Schöne. Danke Michael für diese Wiederentdeckung an diesem Ort!

Oben angekommen erlaufen wir uns Einwanderungsgeschichte auf dem „Cementerio Disidentes“ (Friedhof der nicht katholischen Einwanderer). Viele deutsche und schweizer Namen lesen wir auf den Grabtafeln. Das ständige Auf und Ab bleibt das tagesbestimmende Thema. Wir laufen hinab auf den „Plan“ und betreten dort das Haus der deutschen Gesellschaft. Im Speisesaal hängt das Bildnis vom Kaiser Wilhelm neben denen von Hindenburg und Bismark. Dafür schmücken die Wand im kleinen Lesezimmer dann Karl Marx und Bertold Brecht. In einem der Salons trifft sich gerade eine Gruppe Senioren, die alle die deutsche Schule in Valparaiso besucht haben. Michael findet das Gespräch und wir erfahren sehr authentisch und im hanseatischen Dialekt vorgetragen, wie es in den fünfziger Jahren war, in der Stadt, fern von Deutschland aufzuwachsen.

Und dann kommen endlich die Aufzüge. Mit dem ältesten Aufzug der Stadt geht es hinauf. Natürlich mit Musik aus der Box von Michael … die Mitfahrenden stört es nicht, ganz im Gegenteil … es wird mitgesungen, erst vorsichtig eine Frau, leise summend ins Ohr ihrer Tochter, dann lauter und begleitet vom Bass eines kräftigen, bärtigen Mannes. Wir nutzen die Aufzüge an diesem und am nächsten Tag noch kräftig. Sie bieten einen wunderbaren Blick auf die Stadt und den Hafen.

Inzwischen sind wir über 6 Stunden durch die Stadt spaziert. Fussmüde verabschieden wir uns von Michael. Danke für die interessante Führung durch deine Stadt. Nun sitzen wir auf dem Balkon unseres Zimmers und schauen in dieses goldene Mondlicht. Vermutlich wäre paradiesisch ein nicht zu 100% treffende Beschreibung von Valparaiso, aber so cool und spannend wir Kreuzberg und Istanbul ist die Stadt allemal.

Den deutschen Piraten Michael findet ihr hier: https://www.thegermanpirates.cl/de/

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