Ein Tag im Ryokan

Wir sitzen auf zwei „Stühlen“ ohne Beine in unserem Gästezimmer auf Tatami Matten. Unsere Füsse stecken unter einer dicken, hässlichen Decke, die auf einem niedrigen Tischlein liegt. Unter dem Tisch „bullert“ eine Heizung und sorgt für warme Füsse. Die Nächte in den japanischen Alpen können noch empfindlich kalt Mitte April sein und da ist man um jede wärmespendende Quelle froh. Die Wände unseres Hotels sind aus dünnem Fachwerk mit Stein, die Fenster einfach verglast und die Schiebetür zum Flur mit dünnem Papier bespannt. 


Heute Morgen sind wir auf unseren Futon Matten in Yudanaka erwacht. Der Ort erscheint wie ein kleines Bergstädchen in einem deutschen Mittelgebirge. Vieles hier (zum Beispiel die „sibirisch“ kalten Nächte) erinnern uns an unsere früheren Reisen in den Thüringer Wald zu meinen Grosseltern. Die Saison ist augenscheinlich vorbei und die Gegend hat wahrscheinlich zur Winterolympiade in Nargano (1998) ihren touristischen Höhepunkt gehabt. Alles ist etwas ältlich und angeschlagen … aber charmant. 

Nach Yudanaka hat uns ein toller Triebwagen auf schmalen Gleisen von Nagano aus in die Berge gebracht. Der kurze Triebwagen ist stromlinienförmig wie ein Düsenflugzeug und ruckelte recht gemächlich durch die Landschaft mit vielen Obstplantagen und den sich am Horizont abzeichnenden, bis zu 2400 Meter hohen, noch schneebedeckten Gipfeln. Der Zugführer sitzt in einer kleinen, futuristisch anmutenden Kanzel über den Passagieren und wir hatten somit durch die rund zulaufende Front freie Sicht nach vorn … eine ungewohnte Perspektive in einem Zug. In Yudanaka wurde unser Triebwagen auf dem nostalgischen Bahnhof mit einer schmissigen Hymne, vermutlich noch aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts über die Lautsprecher begrüsst. 


Zurück zu unserem Tag in einem traditionellen japanischen Hotel, eben einem Ryokan. Mit zwar knackenden Gelenken aber gut ausgeschlafen sind wir vom Boden aufgestanden … unser Vorteil: jahrelange eigene Futon Erfahrung zu Hause! Das japanische Frühstück besteht aus viel Fisch, Reis mit Noriblättern zum Selberbauen eines Maki „Sandwich“. Alles, inklusive der Misosuppe und dem eingelegten Gemüse steht auf dem niedrigen Tisch in unzähligen kleinen Schüsseln und wir „lümmeln“ davor und balancieren mit den Stäbchen das Essen in Richtung Mund. Wichtig: Die hoteleigenen Schlappen bleiben vor der Schiebetür mit der Öffnung zur Tür (damit wir beim Gehen gleich wieder hineinschlüpfen können) stehen und die Matten werden barfuss oder in Socken betreten. 


Ein ca. 8 km langer Spaziergang führt uns in die Wälder und die Berge hinein. Ziel ist eine heisse Quelle, an der eine grössere Horde von Schneeäffchen (Makaken) lebt. Die Äffchen sind wahre Kletterkünstler und „fliegen“ die Felsen hinauf und hinab und über den schäumenden Fluss. Vermutlich haben wir die offizielle Badezeit verpasst, da nur noch ein kleines Kerlchen mit verträumt, geschlossenen Augen im warmen Wasser döst. Ausreichend Inspiration für unsere eigenen Pläne am Nachmittag.  Hier noch der Link zu den Äffchen, für alle die nicht persönlich vorbeikommen können: http://www.jigokudani-yaenkoen.co.jp/livecam2/video_en.php


Nach unserer Rückkehr in den Ryokan legen wir beide einen Yukata (der hauseigene Kimono) an, schnappen uns Handtuch und einen grossen Waschlappen und ziehen uns in unseren privaten Onsen zurück. Vor dem Bad im heissen Wasser waschen wir uns gründlich und tauchen dann in einem grossen Holzbottich in 42°C warmes (eigentlich heisses) Wasser … und stöhnen „Oshiiii“!!!! Das Wasser im Onsen stammt aus einer natürlichen Quelle mit heissem Thermalwasser. Nach mehreren Badegängen mit der notwendigen Abkühlung im Wind des offenen Fensters und dem mit eiskalten Wasser gefüllten Holzschöpfbottich schlüpfen wir wieder in unsere Kimonos und ruhen uns etwas für das bevorstehende Abendessen aus … was für ein Leben! 

Ausserdem: Der dänische Bäcker Anderson am Bahnhof Tokyo Ueno bäckt so sauleckere Sachen und ich, Jörg, bin so „verfressen“, dass wir fast unseren superpünktlichen Shinkansen Express nach Nagano verpasst hätten … ein gestreckter Spurt quer über den Bahnhof (inklusive unseres Gepäcks) und schwups mit den sich schliessenden Türen in den Zug –  just in time!

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