Hiroshima

Die japanischen Städte die wir bisher bereist haben sind meist nicht schön, ausgenommen Kyoto 🙂 … die Städte haben ein ähnliches Schicksal wie viele Städte in Europa. Der 2. Weltkrieg hat viel Zerstörung gebracht. Historische Bausubstanz wurde vernichtet und nur „wichtige“ architektonische Zeitzeugen wieder neu aufgebaut. Das trifft im Besonderen auf Hiroshima zu. Vor unserem Besuch haben wir uns gefragt, wie wird das auf uns wirken, macht es betroffen, durch die Strassen der Stadt zu laufen?

Jetzt sitze ich im Shinkansen und die Entfernung zu Hiroshima wird rasend schnell grösser. Mit Bedauern sind wir gerade in den Zug gestiegen. Die 2 Tage waren toll. Wie auch bei den anderen Städten ist die Architektur meist sehr grottig. Die Strassen sind schachbrettartig angeordnet und von unzähligen Kabeln überspannt. Schmale, hässliche Gebäude mit zum Teil unansehnlichen Fassaden streben in die Höhe. Alles mit dem Charme der siebziger Jahre. Traf auch voll auf unsere Hotelburg (Riha Royal) zu. Der höchste Turm ringsum und schmalste Hotelzimmer mit abgewohnter Inneneinrichtung. Zum Glück schliefen wir nur dort (o.K. … der Martini über den Dächern der Stadt im 33. Stockwerk war ganz in Ordnung – aber die Aussicht bis zum Meer!). Das macht aber die Umgebung alles wett. Hiroschima wird von wunderbar grün bewaldeten Hängen umschlossen und öffnet sich in südöstlicher Richtung zum Meer, das blau funkelnd vom Fenster unseres Zimmers Sehnsucht weckt. 

Auf der to do Liste standen 4 Dinge: Strassenbahn fahren, den Friedenspark besuchen, auf die Insel Miyajima übersetzen und Okonomiyaki probieren. War in 2 Tagen entspannt zu schaffen und liess genügend Raum für Ungeplantes 🙂 …


Die Strassenbahn ruckelt bereits seit 1910 durch die Stadt und die Bewohner der Stadt sind ausreichend nostalgisch um a) noch alte Bahnen über b) mit dicken Steinen ausgelegte Gleisbette mitten durch Hiroshima fahren zu lassen. Gleich die erste Bahn, die wir beide erwischen hat das Baujahr 1910 und erinnert mich sehr an die Bilder der graphic novels, die ich las und die von Hiroshima handelten. Eine Stadtrundfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und wenn du aufmerksam nach draussen blickst entdeckst Du das schöne Buffet am Flussufer. Mittags einen Lunch mit Austern (gegrillt, gedünstet … nur nicht roh) und Sekt haben wir auch nicht jeden Tag. 

Zu Fuss geht es weiter in Richtung des Friedensparks. Die markante T-förmige Aioi Brücke über den Fluss können wir bereits ausmachen (diese Brücke war das aus der Luft gut erkennbare Ziel der Enola Gay. Aber ein Gebäude sticht mit seiner Fassade aus der oben erwähnten recht unansehnlichen sonstigen grauen Masse heraus. Der Besuch des Orizuru Towers (Kranich-Turm) unmittelbar neben dem Atombomben Dom hat sich für uns sehr gelohnt. Über eine sich 12 Stockwerke nach oben windende Rampe laufen wir an Comic-Bildern zum Thema Frieden vorbei. Ohne „Sprechblasen“ mit der universellen Sprache der Bilder gelingt es dem Zeichner das Thema zu vermitteln. Was ist Frieden? Mehr als die Abwesenheit von Krieg! … die Bilder regen ungemein zum Nachdenken an. Oben angekommen erwartet uns eine breite, leicht zum Friedenspark geneigte Plattform mit wenig Besuchern (der Tower ist noch zu neu und hat noch nicht einmal einen TripAdvisor Eintrag :-)) und einem super Blick auf die Stadt und den A-Bomb-Dome zu unseren Füssen. Junge Leute haben Säckeweise Plüschtiere mit nach oben gebracht und trappieren diese zu Fotoshootings auf dem Geländer. Noch lohnenswerter wird es ein Stockwerk tiefer. Conny und ich bekommen mehrere quadratische Bögen bunten Papiers gereicht und dürfen mittels einer IPad Grafik Anleitung Kraniche falten. Eine Herausforderung für mich ohne mir dabei die Finger zu brechen. Aber nach den Mühen des ersten Origamis für mich verläuft der zweite Versuch schneller und mit einem sehr herzeigbaren Kranich. Über eine rundum (inklusive Boden) verglaste Brücke gehen wir etwas unsicher zu einem Schacht und lassen unsere Kraniche 11 Stockwerke nach unten segeln. Mindestens genauso rasant sausen Conny und ich danach über eine Rutsche Stockwerk für Stockwerk wieder auf das Strassenniveau zurück. (Mehr Infos hier: Orizurutower)


Japan hat Feiertag … 3 Feiertage folgen als „Goldene Woche“ aufeinander. Es startet mit dem Tag der Verfassung am 3.Mai, dann weiss ich nicht mehr, was genau am 4. Mai gefeiert wird 😦 und heute am 5.Mai begehen die Japaner den Kindertag (als Feiertag!!!!). Für uns bedeutet das, dass wir nirgendwo gerade sehr allein sind. Alle sind mit uns unterwegs und natürlich besonders an den touristischen Hotspots. Aber es ist auch witzig in dieser Masse mit zu treiben und die Japaner sind höflich und niemand steht dir auf den Füssen. Auch im Friedenspark und im dazu gehörenden Museum sind sehr viele Menschen mit uns unterwegs. Der Park mit seinen Denkmälern berührt, besonders das Kinderdenkmal mit den tausenden gefalteten Kranichen darum. Das Museum empfand ich als neutral informierend … aber es berührte mich nicht so, wie ich es erwartet hatte. Interessanter ist das danach. Das wieder nach draussen kommen, die blühende, lebende Stadt zu sehen. Darüber nachdenkend, wie viel Leid Menschen hier, in Dresden und an vielen anderen Orten auf der Welt ertragen mussten und wieder neu angefangen haben. Krieg kann nie eine Lösung sein und mit solch schrecklichen Waffen, die uns heute zur Verfügung stehen vernichten wir uns selbst…


Am zweiten Tag schnuppern wir salzige Seeluft auf der Fähre beim Übersetzen auf die Insel Miyajima. Eine volle Vorortbahn bringt uns zum Fährableger und das Orientieren ist spielend einfach … immer mit der Menge mitschwimmen. Das Tor (Schrein) ist fast noch barfüssig zu erreichen. Mit tausenden Anderen bekomme ich mein Bild, das bestimmt jeden Japan Reiseführer ziert und eines der Schlüsselbilder für Japan ist. Langsam spült der Pazifik wieder das Wasser in die Bucht zurück. Die Sonne strahlt wunderbar dazu und wir geniessen die Stunden. Der Sand zwischen den Fusszehen erinnert noch am Abend an einen schönen Tag. 


Das sichere Zeichen für gutes Essen hier in Japan ist, neben der TripAdvisor Empfehlung, auf die wir uns nicht immer verlassen können … zu viele amerikanische (anspruchslosere) Bewerter … eine lange Schlange. Der erste von uns angesteuerte Okonomiyaki-Laden (Empfehlung aus dem guten Japan Blog: Link einfügen) hat eine Schlange, die sich um zwei Häuserecken zieht. Stundenlang auf das Nachtessen wollen wir nicht warten, also ziehen wir auf gut Glück weiter. Mitten im Vergnügungsviertel von Hiroshima ist die Auswahl ausreichend gross und die nächste mittellange Schlange ist die unsere. Vorteil der Schlange ist es, dass man ausreichend Zeit hat seine Wahl des Menüs zu treffen. Ein Okonomiyaki-Laden ist ´ne lustige Sache. Nach ca. 15 Minuten Anstehen sitzen wir in einem schmalen, rustikalen Gasthaus an einfachen Holztischen. Uns gegenüber auf der anderen Seite sitzen an einem Tresen weitere Gäste und dahinter bereiten die eine ältere Köchin und zwei junge Köche auf einer heissen langen Blechplatte unsere Gerichte zu. Zuerst entsteht ein flacher Eierkuchen, der dann mit Weiskraut, Nudeln und dem gewünschten Fleisch oder Fisch hoch beschichtet wird. Obendrauf kommt wieder ein Eierkuchen. Das filigrane Gebilde wird flink von rechts nach links weitergeschoben und dabei von oben auf unten gedreht. Abschliessend kommt ein flaches Spiegelei und eine leckere süsse Sauce obendrauf und der ganze Fladen wird in fast mundgerechte Stücke geteilt … Schmeckt lecker und nudelt richtig. 


Sehr hilfreich bei unserer bisherigen Tour waren eher Blogs als Reiseführer Literatur … besonders der hier: Wanderweib

Ausserdem: Den Bart zu stutzen wird zur Reise Tradition. Der erste Friseur hat Angst und will nicht. Im zweiten Laden ist man erst auch ganz schüchtern, aber mit unserem ganzen Charme und viel Körpersprache erkläre ich dem jungen Friseur, dass der Bart nur gestutzt werden muss und nicht ganz ab soll. Mit dem Schneiden kommt der Spass … ich werde mehrfach fotografiert und mein Friseur will gar nicht mehr aufhören und auch noch die Haare mitschneiden. Nun kann ich wieder mit „zivilisiertem“ Bartwuchs zur Zufriedenheit von Conny weiterreisen …

3 Gedanken zu “Hiroshima

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