„Alte“ Bekannte … Taschkent

Früh um sieben Uhr spuckte uns der Zug am Tashkenter Bahnhof ungewaschen, unausgeschlafen und etwas verkatert aus. Das neue imposante, bisher riesigste Bahnhofsgebäude im Stil eines Emir Sommerpalastes mit viel Glas verfügt zwar über einen unbesetzten Informationsschalter, unzählige Warteräume, eher Säle, mit für VIP Bahnfahrende sogar mit weissen Ledersofas und riesigen Sesseln … aber keine Tafel mit Informationen zu an- und abfahrenden Zügen oder einer Möglichkeit, sein Gepäck irgendwo zu deponieren. Wir hatten 10 Stunden Aufenthalt in Taschkent, die wir ungern auf unseren Taschen sitzend verbringen wollten.

Also wieder der richtige Zeitpunkt für den Plan B … wir organisieren uns zwei Taxis, fahren in die Innenstadt und versuchen in einem der etwas luxuriösen Hotels der Reisegruppen unser Gepäck unterzubringen. Bahnhöfe in Usbekistan betritt und verlässt man durch eine mit Flughäfen vergleichbare Sicherheitskontrolle, inklusive Durchleuchten der Taschen. Und genau vor dem Auslass aus dem Bahnhof wartete bereits seit einer Stunde der 17 jährige Sohn von Anvar auf uns, unserem Zugbegleiter aus dem Moskauer Nachtzug nach Taschkent. Artyom half uns ja bereits bei der Organisation der Fahrkarten, merkte sich unsere Ankunftszeit und „schwänzte“ die Schule, um uns durch Taschkent zu begleiten … eine lässliche Sünde, das Schuleschwänzen, da wir ja die gesamte Zeit in Englisch miteinander kommunizieren mussten. Somit half uns Artyom taff bei der Preisverhandlung mit der Taximafia (PS … jedes Auto ist in Usbekistan ein potentielles Taxi, uns gelang es bisher erst einmal in einem offiziellen Taxi mitzufahren). Im Hotel Usbekistan, dem ersten Haus am Platz 🙂 muss ich dem Bellboy relativ glaubhaft vermittelt haben, dass wir Gäste des Hauses sind und noch vor unserer Weiterreise unser Gepäck zwischenlagern wollen … gaaanz einfach waren wir im Stadtzentrum und unser Gepäck los.

Wir nutzten die Zeit für einen weiteren Spaziergang durch die Stadt, besuchten das Denkmal, welches an das Erdbeben von 1966 und den Wiederaufbau der Stadt in der Sowjetunion erinnerte. Noch eindrücklicher waren die Namenstafeln aller im 2. Weltkrieg gefallen usbekischen Soldaten … 400 000 Namen junger Männer, die nach 1920 in Samarkand, Taschkent oder Buchara geboren wurden und auf dem weiten, verlustreichen Weg nach Berlin zwischen 1942 und 1945 an den Fronten gefallen sind. Macht mir einen Klos im Hals und es ist mir unverständlich, warum in Deutschland zwar Fronleichnam ein offizieller Feiertag, aber nicht der 8.Mai (Ende des 2.Weltkrieges) ist.

Zurück am Bahnhof war ich, Jörg, etwas angeschlagen. Der Bauch rumorte etwas sehr und die letzten Tage mit Hitze, wenig Schlaf und etwas suspektem Essen am Strassenrand forderten ihren Tribut … also schlief ich im Schatten und die anderen 4 versuchten Artyom unser Reisespiel „Wizzard“ beizubringen. Kurz vor der Abfahrt des Zuges durften wir auch noch Anvars Frau und Artyoms Mama, Swjeta, kennenlernen. Über die Absperrung zum Bahnhof reichte sie uns unsere Reiseverpflegung für die 5 stündige Fahrt ins Fergana Tal. So konnten wir aus dem Abteilfenster des recht bequemen Zuges die sich verändernde Landschaft beobachten und lang geschmorte, mit Reis und Hackfleisch gefüllte Paprika und Kartoffeln geniessen.

Der Zug fuhr uns in die Berge, an einem rauschenden Bergfluss entlang, einem 2300 m hohen Bergpass hinauf und ins Fergana Tal und die neue Nacht hinein. Kurz vor 23 Uhr stiegen wir in Margilan aus dem Zug aus und wurden von 2 jungen Männern unseres Guesthouses Ikat bereits erwartet. Margilan kommt hinsichtlich touristischer Strukturen in meiner Reiseliteratur sehr schlecht weg. Meist wird geraten, eine Tagesexkursion hierher zu unternehmen … aber mir gefiel bei meiner Internet Recherche dieses kleine, privat geführte Haus und es lohnte sich für uns wirklich abseits der sowieso bereits recht wenig bereisten Hauptorte des Tales einen Halt zu machen. Ein schöner Garten begrüsste uns, ein grosszügiges, einfaches Haus mit einer heissen Dusche und ein sehr freundliches Personal (das allerdings kaum oder kein englisch spricht) machen den Aufenthalt sehr angenehm.

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